Kritische Blicke auf die Coronakrise und ihre Folgen
Kritische Blicke auf die Coronakrise und ihre Folgen

Corona-Todesfälle

Die Toten der Coronavirus-Pandemie – ein kritischer Blick auf die Mortalitätsstatistik,

Roland Herzog, Ende Mai 2020

 

 

Abstract

Ein Grossteil der Menschen auf diesem Planeten war oder ist wegen von erheblichen Zwangsmassnahmen betroffen. Um der Pandemie Einhalt zu gebieten und diese Massnahmen zu legitimieren, wird einerseits viel Forschung betrieben und andererseits umfangreiches Zahlenmaterial bereitgestellt. Täglich werden die Zahlen von Infizierten, Hospitalisierten, Verstorbenen und Genesenen akribisch aufgelistet. Dabei ist jedoch davon auszugehen, dass es sich häufig um blosse Zahlenartefakte handelt. Um zu einer ersten Einschätzung dieser Pandemie zu gelangen, wurden der Verlauf der Übersterblichkeit in verschiedenen Staaten beobachtet. Es hat sich ergeben, dass in Europa in keiner Weise überall Übersterblichkeit zu verzeichnen war. Dagegen fiel sie in einzelnen Staaten und insbesondere in bestimmten Regionen sehr hoch aus. Aggregierte nationale Zahlen zeigen dennoch einen deutlich höheren Ausschlag als die Grippe- und Hitzewellen der letzten Jahre. Regional erreichte die temporäre Übersterblichkeit sogar mehrere 100 Prozent. Vornehmlich betroffen sind ältere und sehr alte Personen, was frühzeitig bekannt war. Deren spezifischer Schutz wurde sträflich vernachlässigt, sodass in Europa in kurzer Zeit sehr viele Todesopfer zu verzeichnen waren. Der neoliberale Abbau im Gesundheitswesen sowie ein teilweise extremer Mangel an Schutzmaterial und Atemgeräten trugen zur Erhöhung der Opferzahlen bei. Zurzeit kann von einer mittleren Pandemie ausgegangen werden, die jedoch noch längerfristig die Lebensverhältnisse beeinträchtigen wird. Zu verlangen ist allerdings, dass die Lehren gezogen werden und in Zukunft viele unnötige Todesfälle verhindert werden.

 

 

Die Toten der Coronavirus-Pandemie – ein kritischer Blick auf die Mortalitätsstatistik Roland Herzog, Ende Mai 2020

 

Vorbemerkungen

Ganz offensichtlich sind wir alle vom Ausmaß und den Auswirkungen der Pandemie im Gefolge eines neuartigen Coronavirus, definiert als Sars-CoV-2, überrascht worden. Pan­demien wurden ab und zu vorausgesagt und Prognostizierungen einer alsbald anstehenden größeren wirtschaftlichen Krise lassen sich spätestens ab 2016 vielstimmig nachweisen. Weder im Januar noch anfangs Februar dieses Jahres herrschte Alarm­stim­mung. Erst mit Erkrankungen in Italien sowie den beiden mit Tests bestätigten angeblich ersten Todesfällen in Europa am 24. Februar änderte sich die globale Stimmungs­lage. Als erstes meldeten sich die Bör­senplätze. Ab Mitte Februar stürzten die Indices in schneller Folge mit Verlusten von bis zu 40 Prozent ab. In ganz Europa ging es gleichzeitig um eine die Ein­dämmung der Viren­verbreitung. Versucht wurde, die Übertragungsketten zu un­terbrechen, die Behörden ver­ordneten Quarantänen, schlossen Schulen und Universitä­ten, schränkten die Mobilität ein, motivier­ten zur Abstandhaltung und beschlossen in Italien und Spanien den Shutdown aller wirtschaftlichen Aktivitäten, außer den lebensnot­wendigen. Eine teil­weise weitgehende Ausgangssperre wurde verhängt und schließlich sogar Grenzen zwischen Staaten wieder geschlossen.

Festzuhalten gilt es aller­dings, dass sehr unterschiedliche Strategien von Expert*innen vor­geschlagen und dann von den Regierungen beschlossen wurden. Global gesehen erlebte dennoch beinahe die Hälfte der Menschheit Einschränkungen und Zwangs­maßnahmen hin­sichtlich Bewegungsfreiheit. Straßen, Plätze, Strände leerten sich, vermehrt werden Masken getragen, selbst ein kluger Philosoph wie Byung-Chul Han verstieg sich zur Äußerung, dass er es beinahe als „obszön“ empfinde, wenn er Leute ohne Masken sehe. Auf linker wie auf rech­ter Seite des polit­i­schen Spektrums kam es zu Verharmlosungen der Pandemie wie zum direkten Gegen­teil, wonach möglichst schnell die drakonischen Maßnah­men aus Hubei zu übernehmen seien. Die Realität liegt dann irgendwo dazwi­schen: praktisch keine Einschrän­kungen in Lukaschenkos Weiß­russland oder auf der anderen Seite der „Govern“ in Katalo­nien, wo der rechtsnationalistische „President“ Torra, motiviert durch die unablässi­gen Be­strebungen einer Unabhängigkeit von Spanien, eine vollständige Abschottung Kata­loniens  durchsetzen wollte. Der Regierung gelang es jedoch nicht einmal, den ersten größeren Aus­bruch von Covid-19 in Igualada unter Kontrolle zu bringen.

In vielen Gegenden kam es zu sanitären Not­stän­den und mit den beschlossenen Maßnah­men verstärkten sich ökonomische Krisen­tendenzen, so dass spätestens seit März eine große Wirt­schaftskrise mit immensen sozialen Verwerfungen über den ganzen Plane­ten rauscht. Der aktuelle Zeitabschnitt lässt sich als Große Zäsur bezeichnen, die wir alle haut­nah miterleben.

 

Die neuartigen Coronaviren dürften in China bereits im November 2019 auf­getaucht sein und sich sehr schnell über den Planeten verbreitet haben. Allenfalls lassen sie sich schon im De­zember in Frankreich nachweisen, sicherlich aber ab Mitte Januar in Thai­land, in den USA (erster Todesfall am 6. Februar) und in weiteren Staaten Europas. Treffen aus einem Staat keine Meldungen über Erkran­kungen und Todesfälle mit Covid-19 ein, dann lässt sich mit größter Wahrscheinlich­keit be­haupten, diese werden einfach igno­riert oder es bestehen keine Testmöglichkeiten. Lediglich abgelegene Territorien und die Antarktis als Kontinent wurden von die­sen Viren bis anhin verschont. In der Statistik der Johns Hopkins University (JHU) werden zurzeit rund 170 Staaten mit Todesfällen aufgelistet. Auf der anderen Seite ließ sich Covid-19 auf Inseln wie Island, Färöer oder auf der spanischen El Hierro relativ schnell elimi­nieren. Prak­tisch überall werden inzwischen Exitstrategien diskutiert und Locke­rungs­maß­nah­men beschlos­sen. Die Unsicherheiten dabei sind indessen groß und viel­fältige öko­no­mische Interessen machen sich immer stärker bemerkbar.

Über den genauen Ursprung dieses Coronavirus wird nach wie vor gestritten. Kaum glaub­würdig schei­­nen indessen die Unterstellungen eines Laborunfalls in Wuhan (vgl. dazu auch Der Spiegel, 9.5.20). Mikrobiolo­gische Untersuchungen, insbesondere rück­wir­kende, werden weitere Erkenntnisse liefern. Auszugehen ist davon, dass sich neue Epizent­ren dieser Pande­mie ergeben werden, und vermutlich wird es zu wiederholten Ausbrüchen von Covid-19 kom­men.

 

Die vielen bestätigten Fälle (6,13 Mio. gemäss JHU am 31.5.) und die relativ hohe Zahl von To­des­fällen 371‘041 (dito) in wenigen Monaten – bei nun 2,6 Mio. Genesenen (dito) – verur­sach­ten eine weitreichende Verunsicherung und große Ängste. Zweifellos waren und sind inten­sive emotionale Verarbeitungen dieser tragischen Ereignisse notwendig, Prozesse, die bei vielen Familien noch nicht abgeschlossen sind.

Dane­ben liegen die Probleme jedoch bei der dif­feren­zierten Einschätzung dieser Pandemie, bei den Gründen für die sehr unter­schied­lichen Ausprägungen (Infizierte, Erkrankte, To­des­­fälle), bei den ergriffenen oder not­wen­digen Maßnahmen sowie bei den wirtschaft­li­chen und sozialen Folgen. Hinzu kommt, dass die sorgfältige Auswertung der vielen Informa­tionen zu einer Pandemie gerau­me Zeit be­ansprucht. In etwas zwei Jahren lässt sich wohl eine fun­dierte Beurteilung vor­neh­men. An­dererseits dürften die Qualität der jeweils erlassenen Maß­­­­nahmen, Ver­säumnisse bei der Prävention und der Zustand des örtlichen Gesund­heits­­­systems entschei­dende Fakto­ren für die Bewältigung der Pandemie darstellen.

 

Rückblickend kann gesagt werden, dass bereits in China unnötig viel Zeit verloren ging bis gehandelt wurde. Schlimmer war es in Europa und den USA. Bereits im Januar konnte ge­testet werden und im Februar war bekannt, dass es statistisch gesehen, vor allem bei älte­ren Men­schen zu vielen Todesfällen kommt. Fatal waren in Europa die teilweise fahrlässige Über­­­­­­schätzung der lokalen und nationalen Behandlungsmöglichkeiten in Spitälern, vor allem aber die Zustände in Altersheimen. Die Regierungen positionierten sich wohl unterschied­lich, reagierten jedoch sehr zögerlich und chaotisch, teilweise muss auch von erratischen und delirierenden Regierungsspitzen gesprochen werden. Nicht zu übersehen ist zudem eine arrogante eurozentrische Haltung, die besagt: Wenn die Chinesen es schaffen, werden wir es wohl besser machen. Auf Trump, Johnson oder Bolsonaro soll hierbei nicht speziell einge­gan­­­gen werden, denn deren Ignoranz und Arroganz ist augenfällig, schlimm ist allerdings, dass sie über eine beträchtliche Zahl von Anhänger*innen verfügen.

 

Ein gewisses Verständnis kann dafür aufgebracht werden, dass sich im Gefolge einer sich überstürzenden Informationsflut – bereits wird nicht nur von Fake News, sondern ebenfalls von  „Infotoxication“ geschrieben – und wegen einer nicht vorhandenen hominiden Immuni­tät sowie höchst divergierender Meinungen und Haltungen größe­re Verzögerungen für si­tua­tionsadäquates Handeln ergeben mussten und unterschiedliche Strategien – auch in zeit­licher Hinsicht – verfolgt wurden. Doch regieren heißt voraussehen! Und damit kann eine Be­urteilung der verschiedenen Maßnahmen vorgenommen wer­den, was sich nicht zuletzt an unnötigen und vermeidbaren Erkrankungen sowie Todes­fällen be­misst. Vor allem die hohen Prozentzahlen in Altersheimen resultieren aus Fahrlässigkeit.

 

Pandemiezentren verschieben sich. Von Asien ging es nach Europa und in die USA. Neue große Herde breiten sich in Lateinamerika und Afrika aus. Weil die dor­tigen Bevölkerun­gen deutlich jünger sind, ergeben sich vielleicht Abweichungen; dagegen wirken Ar­mut, Hunger, schlechte Gesundheitsversorgung, viele unbehandelte Erkrankungen zwei­fellos verschär­fend. In letzter Instanz dürften immer Zustand, Ausbau und Resilienz des Ge­sundheits­we­sens aus­schlaggebend für die Zahl der Toten sein.

 

Fallstricke der Statistik

Doch wie präsentieren sich nun all diese Zahlen? Große Vorbehalte dürften gegenüber den­je­nigen, die China offiziell gemeldet hat, angebracht sein. Doch sieht es hier in Europa besser aus? Vorhanden ist ein außerordentliches Chaos, die Meldungen sind häufig nicht homogen, Ver­gleiche sehr schwierig und viele offizielle Verlautbarungen vornehmlich Zahlenartefakte. Dies gilt auch für die eingangs erwähnten Zahlen. Wird beispielsweise auf PCR-Tests (Nach­weis des Virus durch Polymerase-Kettenreaktion) abgestellt, dann ist wohl die Frage der Infi­zierung geklärt, ob aber diese ursächlich zum Tod geführt hat, ist eine andere Sache. Zudem hat sich heraus­gestellt, dass es eine beträchtliche Anzahl von Menschen gibt, die ohne eigene Symptome Viren übertragen können. Wenn we­nig getestet wird, dann bleiben die Zahlen natürlich tief. Von daher sind detaillierte Infor­ma­tio­­nen zu den verschiedenen Testverfahren unabding­bar. Bei den Todesfällen ist anzufügen, dass zunächst vornehmlich auf die Fälle in Spitä­lern oder durch Ärztemeldungen abgestellt wurde. Häufig werden die Todesursachen jedoch nicht genau abgeklärt und irgendetwas in die Meldung hinein­ge­schrieben. In Barce­lona bei­spiels­weise wurden während mehreren Wo­chen wegen Perso­nalmangel nur Perso­nalien und Todeszeit erfasst. Die Todesfallzahlen dürften also teilweise zu tief ausfallen.

Akzeptiert ist gene­rell, dass die Zahl der Infizierten sehr viel höher ist, als sich dies in den publizierten Zahlen ablesen lässt. Erste breitere Abklärungen in Spanien zeigen, dass bei 228.691 Infizierten mit Bestätigung durch PCR-Tests nur etwa ein Zehntel der effektiv infi­zierten Personen erfasst wird. Die vorläufigen Untersuchungsergebnisse weisen bei beträcht­licher Streuung darauf hin, dass erst etwa fünf Prozent der Bevölkerung, also rund 2,5 Mil­lionen Menschen, infiziert sind (El País 14.5.2020). Die Immunität soll jedoch auf einem sehr hohen Niveau liegen.

 

Die Übersterblichkeit – das Schlüsselproblem

Um mit diesen vielen Probleme umzugehen, empfiehlt es sich, auf Überlegungen und Statis­tiken der soge­nannten Über­sterblichkeit zurückzugreifen. Die Coronaviren werden übertra­gen und zirku­lieren, Erkran­kungen ergeben sich später. Diese verlaufen sehr unter­schiedlich. Häufig sind sie als leicht zu bezeichnen, vergleichbar mit einer saisonalen Grippe. Bei größe­ren Beein­träch­­tigungen erfolgt ein Arztbesuch, allenfalls eine sofortige oder spätere Hos­pitali­sierung. Wenn keine Testmöglichkeiten oder keine Spitalbetten vor­han­den sind, dann wird in die Hausquarantäne entlassen, meist ohne weitere Unterstützung sicher­zu­stellen. Todesfälle folgen nach längeren Krankheitsphasen, häufig aber auch inner­halb einer sehr kurzen Zeitspanne, sei dies in Spitälern, in Altersheimen oder zu Hause. Immerhin gibt es Über­lebende in sehr hohem Alter oder nach vielen Wochen auf einer Intensiv­sta­tion. Von daher sind die Aufzeichnungen in den Spitälern für eine vollstän­dige Pande­mie­ein­schätzung wichtigste Grundlage, doch deren Auswertung und Aggregie­rung benötigt viel Zeit.

In unseren Breitengraden werden die Todes­fälle mit Aus­nahmen (in erster Linie Flüchtende im Mittelmeer und an der Atlantikküste oder in Camps sowie aus ungeklärten Gründen Ver­schwundene) unmittelbar und vollständig erfasst. Weil Staaten immer auch eine Biopolitik verfolgen, wird die Bevölkerungsstatistik seit lan­gem sehr ernsthaft betrieben. Foucault analysierte dies überzeugend. Geburtenzahlen und Todesfälle (sogar sehr differenziert nach einem Manual für Todesursachen) werden akribisch registriert; obwohl keine 100%ige Si­cher­­heit vorliegt, sind die Zahlen in den sogenannten entwickelten Staaten doch ziemlich ver­lässlich.

 

Mit den erfassten Todesfällen kann nun eine Verlaufskurve der zu erwartenden Zahlen er­rechnet werden. Die Methodik ist zwar verschieden, doch auf der Grundlage von zehn Jah­ren und unter wöchentlicher Aufbereitung (die tägliche Erfassung ist weniger zuverlässig, weil Meldungen immer wieder Verspätungen haben oder nicht ganz korrekt sind) kann diese Kurve mit einer Bandbreite nach unten und oben den Erwartungsbereich für die jeweilige Kalenderwoche, den ganzen Monat sowie den Verlauf über ein Jahr darlegen. Wenn sich nun außergewöhnliche Vorfälle ereignen, die zu mehr Todesfällen führen, sei dies eine Epi­de­mie, eine größere Grippe- oder Hitzewelle, dann lassen sich Ausschläge über die obere Band­brei­te hinaus Woche für Woche feststellen. Auf diese Weise kann also relativ einfach eine etwas verlässlichere Einschätzung vorgenommen werden.

 

Welche Zwischenresultate liegen vor? Davon muss die Rede sein, weil in den meisten Staaten noch bis weit in den Monat März hinein keine Übersterblichkeit vor­lag, differen­zierte Zahlen fehlten und der Höhepunkt der Pandemie noch nicht überall über­schritten worden ist. Zudem ist davon auszugehen, dass diese Pandemie mit großer Wahrschein­lichkeit noch weiteren Wel­­len schlägt.

Für Europa sind die gesamtstaatlichen Zahlen aus 20 Ländern seit anfangs 2015 vergleichend aufbereitet. Es handelt sich um die EuroMOMO-Statistik (European Mortality Mo­no­­to­ring). Darin lässt sich für jede Woche ablesen, wie hoch die Übersterblichkeit (sog. z-score) als Ab­weichung von der Baseline, also den erwarteten Todesfällen, ausfällt.

Bis zum Ende der 20. Woche zeigen sich folgende Bilder: Mit den Zahlen der teilneh­menden Staaten ergaben sich in den Jahren 2017 (Peak 2. Woche), 2018 (Peaks 1. und 9./10. Woche), 2019 (Peak 6. Woche) und natürlich 2020 beachtliche Ausschläge mit Übersterblich­keit. Der Peak 2020 war mit 89.251 Todesfällen in der 14. Woche des laufenden Jahres er­reicht. Er lag mit 34.255 Todesfällen oder 62% über dem, was statistisch zu erwar­ten war. Damit fiel dieser Höchstwert um 18.556 Todesfälle höher aus als der Peak 2017, bzw. um gut 27.000 hö­her als im Vergleich zu 2019.

Auch in den Alterskohorten 15-64 und 65+ liegen im 2020 höhere Werte vor. Bei den über 65jährigen ergibt sich eine Differenz von 31.461 effektiven Todesfällen gegenüber den er­war­teten; der absolute Wert in der 14. Woche beträgt 78.737. Die gesamte Übersterblich­keit der rapportierenden Staaten wird für die 20. Woche mit 194.378 zusätzlich Verstorbenen sum­miert – 88.971 mehr als im Jahre 2018. Bei der Kohorte 65+ beträgt die kumulierten Zahlen 175.814 Todes­fälle oder 90,45% der gesamten Übersterblichkeit, bei der Kohorte 85+ sind es 92.759 oder knapp 47%.

Wird der Blick auf die einzelnen Staaten gerichtet, weisen Österreich, Dänemark, Estland, Deutschland (nur Berlin und Hessen), Finnland, Griechenland, Luxemburg, Malta, Norwegen und Ungarn bis anhin keine oder eine tiefe Übersterblichkeiten auf. Portugal und Irland er­reichten moderate Übersterblichkeiten. In Belgien, Frank­reich, Italien, Niederlande, Spanien, Schweden, Schweiz und England/Schottland/Wales hingegen ergeben sich be­trächtliche, d.h. sehr hohe oder extrem hohe Übersterblichkei­ten. Die relativ höchste Abweichung von der Baseline meldeten England gefolgt von Spa­nien. Den Peak in der 14. Kalenderwoche erreich­ten Belgien, Nie­der­lande, Schweiz, Spanien; in der 15. Schweden und England, wobei dort (und nicht in Groß­britannien) in der 20. Woche immer noch ein hoher Werte ablesbar ist: Der Wert für die Masseinheit z-score verringerte sich allerdings von 41.55 auf 8.79.

Neben England weisen in der 20. Woche nur noch Belgien, Schottland und Schweden eine tiefe oder mode­rate Übersterblichkeit auf. In einer Mehrzahl der beteiligten Staaten werden bereits Unter­sterblichkeiten gemeldet, doch gilt es zu bedenken, dass die aktuellsten Wochen immer mit etwas Meldeunsicher­heit behaftet sind.

 

Gesamtstaatliche Zahlen geben freilich einen schlechten Über­blick, wenn regionale Herde sehr ausgeprägt sind oder nicht spezifisch berücksichtigt werden können. Dann bleiben aber immer noch lokale Informationen wie bei­spiels­weise aus Bergamo in Italien, Igualada in Spa­nien oder Guayaquil in Ecuador oder auch aus einigen Gemeinden im Tessin. Die üb­lichen lokalen Todesfälle sind an vielen Orten deutlich übertroffen worden, ohne dass dies in den zusammenfassenden Statistiken genügend zum Ausdruck kommt. Den besten Aufschluss würden die Gemeindezahlen, verbunden mit dem Ort des Todes und den validierten To­des­ursachen, ergeben.

Nachfolgend wird die Übersterblichkeit in verschiedenen Staaten mit den einfach verfügba­ren Unterlagen konkreter dargestellt.

 

Italien

Zuständig ist das Ministerio della Salute, die Zahlen werden vom Istituto Nazionale di Statis­tica (Istat) geliefert. Für die erwar­teten Todesfälle wird auf die letzten fünf Jahre abgestellt. Unterdessen ist der siebte Bericht erschienen. Abgedeckt wird damit der Zeitraum bis zum 2. Mai. Die Zahlen bezie­hen sich bis auf den 28. April. Dar­gelegt werden die größten 19 Städte. Die Übersterblichkeit in diesen ist im Norden mit 71% klar stärker ausgeprägt als im Sü­den mit lediglich 9%.

An der Spitze liegt Brescia mit einer Übersterblichkeit von bereits 62 Tagen und 172%, ge­folgt von Aosta (128%) und Milano (100%). Die Prozentzahlen sinken nun, weil die Über­sterblichkeit über eine längere Dauer läuft.

Unter Einbezug der 10 wichtigsten Städte im Norden wird klar ersichtlich, dass der Anstieg im März sehr stark war und im Wochenvergleich in der ersten Aprilwoche einen Wert von etwa 280% erreicht hat und nun wieder ähnlich steil abfällt, ohne jedoch bereits die obere Begrenzung der erwarteten Bandbreite zu erreichen. Wird differenziert nach drei Altersko­horten (65-74, 75-85 und 85+), zeigt sich ein vergleichbares Bild, auch wenn selbstver­ständ­lich die Prozentzahlen deutlich tiefer ausfallen: ca. 30%, ca. 90% und bei den Ältesten knapp 150%. Lediglich bei der Kohorte 65-74 ist die Wochenkurve wieder in den Bereich der obe­ren Bandbreite zurückgefallen. Im Süden liegt zwar ebenfalls eine Übersterblichkeit vor, doch diese verlässt nur in einigen wenigen Wochen die obere Bandbreite.

Wird die kumulierte Übersterblichkeit im Norden und Süden verglichen, dann sind die Diffe­renzen groß. Im Norden liegt diese bei den 15-64jährigen aber immer noch bei etwa 30%, bei den über 85jährigen beläuft sie sich auf etwa 90%; im Süden erreicht lediglich Bari mehr als 40%; bei der Kohorte 85+ sind es wieder etwas weniger als 20% und als Anomalie kann gelten, dass die Übersterblichkeit bei den 65-74jährigen ähnlich tief ausfällt wie bei den 15-64jährigen.

In absoluten Zahlen sind in Milano in den ersten 63 Tagen der Übersterblichkeit 4.089 Men­schen verstorben und damit 2.045 mehr als die erwarteten 2.044. In Torino sind es in 69 Ta­ge 2.583 statt 1.622 und in Rom in 59 Tagen 4.322 statt 4.033, mithin ergibt dies für die Haupt­stadt eine Übersterblichkeit von lediglich 7%.

Interessant sind für Italien die Angaben zum Todesort. Unterschieden wird in und außerhalb von Spitälern. Offensichtlich existieren für den Süden wie für den Norden diesbezügliche Erwar­tungslinien. Es ergibt sich, dass die Übersterblichkeit im Süden außerhalb der Spitäler  etwas stärker ausgeprägt ist als in den Spitälern. Hingegen sind es im Norden ganz klar die Spitäler, in denen sich die Übersterblichkeit ereignet, ebenfalls stark ansteigend und auf dem Höhepunkt pro Tag mit rund 100 Todesfällen mehr als erwartet. Außerhalb der Spitäler wa­ren es auf dem Maximum rund 25 zusätzliche Todesfälle. Per Ende April liegt immer noch Übersterblichkeit vor (diese Zahlen beziehen sich allerdings nur auf 13 Städte.)

Anfangs Mai wurden die Todesfälle, aufgeschlüsselt nach Gemeinden, publi­ziert. Mit zwei Gemeinden soll das Ausmaß der eklatanten Übersterblichkeit exemplifiziert werden. Für Bergamo liegt die erwartete Sterblichkeit im März bei etwa 128 Todesfällen. In diesem Jahr waren es hingegen effektiv 670, als rund fünf Mal mehr als üblich. Damit ergibt sich für Ber­gamo mit rund 120.000 Einwohner*innen allein im März mit der auf 100.000 Per­sonen be­rechneten Bezugszahl ein sehr hoher Stand von 558 Todesfällen. In Brembate di Sopra bei Bergamo ereignen sich im März üblicherweise 7-10 Todesfälle. Im März 2020 verzeichnete diese Gemeinde jedoch dramatische 84, also etwa 10 Mal mehr als sonst!

Werden Provinzen im Monat März verglichen, dann liegt ebenfalls Bergamo mit einer Erhö­hung gegenüber der Periode 2015-2019 von 567,6% deutlich voraus. Anschliessend reihen sich Cremona 391,8%, Lodi 370,6%, Brescia 290,6%, Piacenza 264,0% und Parma 208,4% ein.

 

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass per Ende April die Übersterblichkeit noch nicht weggefallen ist; in den nördlichen Regionen fiel sie sehr viel höher aus als im Süden; teil­wei­se war sie unglaublich hoch; hervor­zuheben wären die Differenzen zwischen Männern (hö­her) und Frauen sowie die Tatsache, dass das Sterben im Gefolge der Pandemie vornehml­ich in den Spitälern stattfand. Von Wo14. bis Wo20 reduzierte sich z-score von 16.92 auf 1.04.

 

Die offiziellen Zahlen zu Covid-19 werden vom Ministerio de Salute am 14. Mai mit 223.096 mit Test bestätigte Infizierten angegeben, davon galten 115.288 als Genesene und 76.440 da­mals aktuell positiv sowie 31.368 als verstorben. Davon waren rund 95% älter als 60 Jahre. Etwa 64.000 Personen befanden sich zu Hause in Isolation und 855 auf Intensiv­statio­nen. Auf Ende Mai werden 292.937 bestätigte Fälle, 157.507 Genesene sowie 33.415 an Covid-19 Verstor­be­ne aufgelistet (JHU, 31.5.20).

Bereits früh im März wurde Norditalien, von Vene­dig über Mailand bis Turin, hart getroffen. Mit den ersten Todesopfern im Februar wurden 10 Gemeinden abgeschlossen und 50.000 Menschen aufge­fordert, zu Hause zu bleiben. Am 8. März wurden 13 Provinzen des Nordens abgeriegelt und am 9. März ganz Italien zur Sperrzone erklärt. Vieles wurde geschlossen, doch der Shutdown war keineswegs vollständig. Bekannt ist z.B. aus Bergamo, dass in der dortigen Industrie trotz Status als „zona rossa“ gearbeitet wurde.

Ab 4. Mai gab es Lockerungsmaßnahmen, und es soll zudem eine App zur Anwendung kom­men, die schnell anzeigt, ob sich jemand in der Nähe von Virusinfizierten aufgehalten hat. Per Ende Mai ist die Regierung der Ansicht, es gebe hinsichtlich Covid-19 keine kritische Situa­tion mehr, sodass am 3. Juni wieder vollständige Mobilität in Italien, aber auch ins Ausland möglich ist.

 

Spanien

In Spanien werden jede Woche die aktuellsten Übersterblichkeitsdaten veröffentlich Die hier angeführten Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum bis zum 26.5.2020. Erstellt wird dieser Be­richt vom „Instituto de Salud Carlos III“ (ISCIII), einer öffentlichen Forschungsstelle, die auch die Zahlen für die MOMO-Statistik aufbereitet.

Für ganz Spanien gilt eine Übersterblichkeit (über der oberen Bandlinie der Erwartungen) vom 13. März bis 22. Mai. Es handelt sich um einen steilen Anstieg und einen steilen Abstieg. Für diese Periode liegt die berechnete Übersterblichkeit (Abweichung von der Basislinie) ins­gesamt bei 55,3%. Bei den Menschen unter 65 Jahren sind es 19,6% (leicht steigend), Kohor­te 65-74 45,8% (sinkend), über 75 Jahren 63,1% (sinkend). Die erwartete Sterblichkeit liegt gemäss den Zahlen aus den letzten fünf Jahren bei 77.817, effektiv aber waren es in diesem Jahr 120.851. Damit ergibt sich in absoluten Zahlen eine Übersterblichkeit von 43.034 Todes­fällen in lediglich gut zwei Monaten. Davon entfallen 35.539 oder 82,6% auf Menschen mit über 75 Jahren. Als bestätigte Covid-19-Todesfälle werden bis anhin lediglich etwas mehr als 27.000 aufgeführt. Damit ist davon auszugehen, dass eine massive Unterschätzung der direkt und indi­rekt durch Sars-CoV-2 verursachten Todesfälle vorliegt. Zweifellos hängt diese mit den vielen Verstor­benen in den Altersheimen zusammen.

In der Ausdifferenzierung der „Comunidades autonomas“ sind die Perioden teilweise kürzer. Bei­spielsweise ergab sich für Andalusien lediglich eine Übersterblichkeit vom 20. März bis zum 17. April; Übersterblichkeiten nur bis Ende April hatten auch noch Aragón, Asturias, Castilla La Mancha, Galizien, Navarra und das Baskenland.

Interessant ist der größte Virenclus­ter in Spanien, Madrid, wo die Übersterblichkeit am 10. März begann und per 28. April wie­der auf die Erwartungskurve zurückfiel. In dieser Zeit liegt eine Über­sterblichkeit von 203%, bei den Männern sogar von 211,1% vor. Die Übersterb­lich­keit fiel anschliessend jedoch nicht weg, sondern bewegte sich im Bereich der oberen Grenze, sodass für Madrid die Übersterblichkeit bis zum 25. Mai (also bis Berichtsende) andauert; die Übersterblichkeit beträgt über den gesamten Zeitraum allerdings nur noch 161,8%. Katalo­nien erreichte per 23. Mai 95,7%, übertroffen von Castilla y Leon (113,6%; Übersterblichkeit bis 7. Mai), Navarra 136,8% (bis 18. April), Castilla-La Mancha (206% bis 30. April). Tiefe Übersterblichkeiten ergaben sich in Galizien (22,9%), Valencia (19,5%), Murcia (15,4%), Balearen (13,6%) und auf den Kanarischen Inseln (6,9%).

 

In Spanien existiert ebenfalls ein gehöriges Problem mit den offiziellen Zahlen für Covid-19. Unbe­stritten ist, dass die Infektionen viel zu tief ausgewiesen werden. Die Erfassung der Todesfälle war und ist problematisch, es erfolgen immer wieder Korrekturen. Die offiziellen Zahlen vermerken per 27. Mai 236.769 positiv PCR-Getestete und 27.118 Todesfälle. Davon waren rund 95% älter als 60 Jahre. Etwa 150.000 Menschen seien wieder genesen. Die Zahl der neu getesteten Infizierten fiel vom Tageshöchststand von 9.222 Ende März auf deutlich unter 1.000 und die vermeldeten Todesfälle sanken von täg­lich bis zu 950 auf unter 100.

Die täglichen Todesfallzahlen befinden sich damit wieder sehr nahe bei den erwarteten Werten. Eine erste Abriegelung um Igualada erfasste 70.000 Personen und begann am 12. März. Die Mobilitätseinschränkungen, die Schließun­gen zuerst der Schulen, Universitäten, dann der tertiären Dienstleistungen sowie schließlich ab dem 14. März (mit Beschluss eines Alarmzustandes) der ge­sam­ten Produktion mit Aus­nahme der le­bensnotwendigen Bereiche haben gewirkt und ein Zusammenbruch des Gesund­heitswesens konnte abgewendet wer­den. In Spanien wurde eine weitgehende Quarantäne für alle Menschen erlassen. Es war faktisch nur erlaubt, Lebensmitteleinkäufe zu machen; Apotheken, Bäckereien, Metzgereien, Fisch­geschäfte, Zeitungskioske und Tabakwarengeschäfte konnten geöffnet bleiben. Alle Pro­duk­tionsbetriebe mussten heruntergefahren werden und blieben bis zum 13. April ge­schlossen. Nachdem erste Lockerungen für Arbeitende beschlossen waren, durften Kinder am 26. April zum ersten Mal nach 43 Tagen (!) kurz und in Begleitung Erwachsener spazie­ren gehen. Weitere abgestufte Lockerungen begannen am 2. bzw. am 4. Mai. Verfolgt wird jetzt ein Phasenmodell mit vier Stufen, das mit Auflagen versehen ist, um von einer Phase zur nächsthöheren mit weniger Beschränkungen aufzusteigen. Der Alarmzustand wird im Juni aufgehoben.

 

Schweiz (und Lichtenstein)

In der Schweiz erfasst das Bundesamt für Statistik (BfS) die Zahlen. Der erste Nachweis von Coronaviren fällt in den Monat Februar. Das Bundesamt für Gesund­heit (BAG) publiziert zusam­men­fassende Ergebnisse zu Covid-19 und auch zur Übersterb­lichkeit. Die Zahlen wer­den wöchentlich aufbereitet und differenziert werden die Alters­kohorten 0-65 und 65+. Die erwarteten Todesfallzahlen basieren auf den letzten 5 Jahren.

Es zeigt sich, dass in der Kategorie 0-65 erst ab der 12. Woche (endend am 22.3.) die Erwar­tungslinie übertroffen wird. Die obere Bandbreite wird hingegen in all diesen Wochen nicht überschritten, was auch per 17.5. gilt: effektive wöchentliche Todesfälle 178, obere Grenze des Erwartungsbandes 191, erwartete Todesfälle 158.

Anders sehen die Zahlen bei 65+ aus. Bis zum 8.3. liegen die Wochenzahlen immer unter dem erwarteten Wert. In der Woche bis zum 15.3. gibt es erstmals eine kleine Überschrei­tung. Dann beginnt ein steiler Anstieg. Per 22.3 wird die obere Bandbreite bereits deutlich übertrof­fen (1.316 statt 1.289). Dieser Trend setzt sich in den nächsten Wochen akzen­tuierter fort: per 29.3. 1.394 gegenüber 1.263, per 5.4. 1.657 zu 1.240, per 12.4. 1.428 zu 1.219, per 19.4. 1.364 zu 1.198 und per 26.4. 1.178 zu 1.180. Damit ergeben sich anstei­gende und dann wie­der fallende Prozentwerte von 1,4%, 10,4%, 33,6%, 17,1%, 13,9% über der oberen Grenze des Erwartungsbandes sowie per 26.4 mit -0,2% leicht darunter, bzw. von 9,8%, 18,6% zu 43,7%, und anschließend 26,0%, 22,7% und 7.6% über dem wöchentlichen Kurvenwert der erwarteten Todesfälle. In der ersten  Maiwochen wurde die obere Grenze nicht mehr über­schritten und in den nächsten zwei bewegen sich die effektiven Todesfälle sogar unter dem Wert für die erwarteten.

Bestätigt ist damit, dass in der Schweiz spätestens seit der Woche vom 22.3. eine partiell signifikante Über­sterblichkeit zu verzeichnen ist. Zu berücksichtigen gilt es allerdings, dass es sich um gesamt­schweizerische Zahlen handelt. Diese Übersterblichkeit geht mit der Woche vom 12.4. bereits wieder zurück und im Mai bewegen sich die Zahlen im Bereich der Band­breite. Interessant ist jedoch per 17. Mai, dass bei der Kohorte 0-64 ein Wert über der Er­wartungslinie ausgewiesen wird, bei 65+ liegen für diese Woche die 974 Todesfälle nur knapp über der unteren Grenze (969).

 

Das BfS hat aber auch noch detailliertere Zahlen veröffentlicht. Im Vergleich der Werte seit 2015, aufgeschlüsselt nach Kantonen und Altersgruppen, zeigt sich per 15. Kalenderwoche oder per 12. April augenfällig Folgendes: gesamtschweizerisch eine höhere Sterblichkeit ab der 12. Woche. Doch die Wochenzahlen sind nicht einsame Spitzenwerte, sondern wurden auch in der größeren Grippeepidemie anfangs 2017 erreicht oder sogar übertroffen. Das Gleiche gilt für die Alterskohorten 65+, obwohl der Spitzenwert aus diesem Jahr von 409 Todes­fällen (Kohorte 65-79) noch nie erreicht worden ist. Dagegen liegt der Höchstwert von 2020 für die Kohorte 80+ mit 1.191 leicht unter dem Wert von anfangs 2017 mit 1.202 Ver­storbe­nen. Die Kantone Zürich und Bern zeigen ebenfalls keine außergewöhnlichen Werte. Etwas anders sieht es im Kanton Waadt aus: Insgesamt liegen die Werte leicht höher, insbe­sondere die 14. Woche ergibt mit 185 Todesfällen eine klare Differenz zum Höchstwert aus den vor­angegangenen Jahren (156). In den Kohorten 65+ sind diese Differenzen noch etwas grösser. Der Kanton Tessin erlebte jedoch schlimmere Wochen. Ab der 12. Woche wurde insgesamt die Hunderterschwelle (Höchstwert 14. Woche mit 145 Todesfällen) übertroffen. Bei der Kohorte 65-79 sind die Werte seit der 11. Woche und bis zur 14. deutlich höher als sonst. Ausgeprägter gilt dies für die über Achtzigjährigen. In der elften Woche wurden be­reits 63 Todesfälle gemeldet, in der 14. sogar 106 und in der 15, immer noch 82, wohingegen in früheren Jahren der Höchstwert lediglich einmal bei 67 Todesfällen lag.

 

Damit ergibt sich als Zusammenfassung, dass in der Schweiz eine Übersterblichkeit zu ver­merken ist. Diese ist im Vergleich zu den letzten 5 Jahren während sechs Wochen bei der Altersgruppe über 65 Jahren wohl vorhanden, im Vergleich zu den Höchstwerten in den letzten fünf Jahren klein, jedoch vor allem im Tessin bei den sehr alten Personen stärker ausfallend. Im Tessin ist anfangs Mai die Basislinie wieder erreicht und nur noch im Genfer­seegebiet wird bei den über 65jährigen die obere Bandbreite überschritten. Doch per 10.5. ist dies nicht mehr der Fall.

Insgesamt liegt für den Zeitraum vom 22. März bis zum 17. Mai die Übersterblichkeit bei 1.479 Todesfällen, davon 1.375 bei den über 65jährigen. Werden die offiziell ausgewiesen Todesfälle subtrahiert, dann ergeben sich negative Zahlen. Von daher könnte davon ausge­gangen werden, dass die Testbestätigung eben auch andere Todesursachen einschliesst oder dass die sonstigen Todesfälle kleiner ausgefallen sind.

 

In der Schweiz gab es keine Ausgangssperre. Mit der Einstufung einer „ausserodentlichen Lage“ gemäß Epidemiegesetz konnte der Bundesrat jedoch überall geltende Maßnahmen erlassen. Diese erstreckten sich ab 18. März auf die Schließung der Schulen, Universitäten, Museen, Restaurants und Bars, Unterhaltungs- und Freizeitbetriebe, Läden mit Ausnahme der Lebensmittelversorgung sowie Dienstleistungsbetriebe, die wie Coiffuresalons einen engen persönlichen Kontakt bedingen. Eingeschränkt wurde der öffentliche Verkehr und die Gren­zen vermehrt kontrolliert sowie Versammlungsverbote erlassen. Gesetzt wurde auf die Moti­vierung der Bevölkerung zu Hygienemaß­nahmen und Abstand halten (social distancing), aufgefordert wurde, zu Hause zu bleiben und wenn immer möglich von zu Hause her zu arbeiten. Nur punktuell kam es daneben zu Produktionsstopps. Die erlassenen Maß­nahmen werden seit dem 27. April etappenweise gelockert. Ein nächster Schritt steht am 6. Juni an. Politische Kundgebungen und Veranstaltungen mit bis zu 300 Personen sind dann wieder möglich und der überobligatorische Unterricht setzt wieder ein.

Mit diesem Vorgehen gelang es, die Virenausbreitung zu verlangsamen und mit größter Wahrscheinlichkeit die Zahl der Todesfälle einzudämmen, obwohl diese im Vergleich zu benachbarten Staaten relativ hoch ausfallen. Trotz eines gesamtschweizerischen Pande­mie­planes wurden die darin geforderten Pflicht­lager an Masken und weiteres Schutzmaterial sträflich vernachlässigt. Auch deshalb dürfte es zu höheren Zahlen bei Erkrankungen und Todesfälle gekommen sein.

 

Mit der in der Schweiz ebenfalls üblichen Zahlenakrobatik und Zahlenartefakten wird fest­gehal­ten, dass per 28. Mai kumuliert 30.796 laborbestätigte Fälle von mit Sars-CoV-2 in­fizierten Menschen vorliegen, davon starben gemäss BAG 1.655 (zum Vergleich JHU per 31.5.2020: 30.862 bestätigte Fälle, 28.400 Genesene, 1.920 Verstorbene). Etwa 97% davon litten an mindestens einer Vorerkrankung. Der Altersmedian lag bei 84 Jahren. Es starben sehr viel mehr Männer (960) als Frauen (695), und die Inzi­denz bei Personen unter 60 Jahren war sehr klein (BAG). Dies bedeutet, dass 97% der Verstorbenen über 60 Jahre alt waren.

Die Bettenkapazitäten in den Spitälern wurden nicht über­schritten und in den Intensivabtei­lungen kam es zu keinem Kol­laps. Allerdings wird von vielen turbulenten Situationen berich­tet. Werden die Zahlen auf 100.000 Personen umgerechnet, dann ergeben sich 360 Infek­tionen, im Kanton Tessin liegt das Niveau sogar bei 900. Hierbei handelt es sich also um relativ hohe Werte. Die auf gleicher Basis errechneten Todesfälle ergibt mindestens 19 Tote. Dieser Wert liegt unter denjenigen aus Belgien, Italien oder Spa­nien, anderer­seits aber auch höher als derjenige aus Deutschland. Der Anteil der Verstor­benen an den Fällen beträgt mehr als 5% (europaweit etwa 10%, Deutschland 3,8%). Getestet wurden 385.822 Personen, was etwa 4.500 Tests pro 100.000 Bewohner ergibt; 10% der Tests fielen positiv aus. In Spitälern behandelt wurden knapp 4.000 Menschen (BAG 28.5.2020).

Die Reproduktionszahl der Coronaviren sei relativ schnell gesunken und wird anfangs Mai bei etwa 0,7 eingeschätzt. Doch dieses Maß ist viel zu ungenau. Viel wichtiger wäre es die genetischen Differenzen von Virenproben zu untersuchen, um herauszufinden, wie die Ver­breitung genau vor sich ging, und warum einzelne Stränge sich nur wenig reproduziert ha­ben, andere jedoch gleichsam explodiert sind (vgl. dazu die Arbeiten von Sarah Nadeau, ETH Zürich oder Trevor Bedford University of Washington in Seattle). Doch diese Untersuchun­gen benötigen einiges an Zeit.

Die quantitative Ebene bringt somit klare Erkenntnisse, aber keineswegs extrem drama­ti­sche. Dennoch bedeutet jeder Todesfall mit Covid-19 für die Angehörigen ein schwerer Verlust. Genauer zu betrachten wären die Infektionen in Spitä­lern und Altersheimen, Spi­talversorgung und Erkrankungsverläufe sowie die große Bedeutung der verschiedenen Vorerkrankun­gen.

 

Frankreich

In Frankreich ist Insee (L’institut national de la statistique et des études économiques) für die Datenerhebung zuständig. Die Daten werden wegen der Pan­demie jetzt täglich erfasst. Es existiert der Vergleich zwischen 2018, 2019 und 2020. Für Gesamtfrankreich lag die Sterb­lichkeit im März höher als 2019, jedoch immer noch tiefer als 2018. Im April begannen die 2020er-Werte auch diejenigen aus dem Jahr 2018 zu über­steigen. Es ergibt sich eine mar­kante Übersterblichkeit. Per 29. April sind die täglichen Todesfallzahlen wieder auf die Niveaus von 2018 und 2019 zurückgefallen und liegen bis zum 4. Mai nun unter den beiden Vor­jahren.

Werden jedoch regionale Zahlen oder Departementszahlen herangezogen, zeigt sich im Ver­gleich zu 2019 ein anderes, akzentuierteres Bild. Hier liegen spezifische „surmortalités“ vor. Regional gesehen bedeutet dies per 4.5. im Vergleich zu 2019 für Ile de France +83%, Grand Est +49%, Bourgogne-Franche-Comté +22% und Hauts-de-France +23%.

Ebenfalls per 4. Mai liegen drei Departemente über 100% gegenüber dem Vorjahr: Seine-Saint-Denis (117%), Haut-Rhin (108%) und Hauts-de-Seine (107%); im Val de Marne re­du­zierte sich die Übersterblichkeit vom 20. April (104%) bis zum 4. Mai auf 88%. Acht weitere Departemente etablieren sich zwischen 50% und 100%. (Hier handelt es sich um den Ver­gleich mit 2019, derjenige mit 2018 ergibt tiefere Prozentzahlen!).

Werden jedoch alle Departemente einbezogen, dann bestehen bei 22 keine Erhöhungen ge­genüber 2019 und bei 30 liegen sie unter 10%. Insofern sind die regionale Ausprägungen sehr konturiert. Hohe Übersterblichkeit besteht in und um Paris sowie an der Grenze zu Deutsch­land.

Die Übersterblichkeit liegt in der Alterskohorte 65-74 Jahre bei den Männern bei +16,5% und bei den Frauen +20,8%, bei der Kohorte 75-84 +22,3% respektive +29,2% sowie 85+ Män­ner: +25,3%, Frauen: +30,5%. In der Region Ile de France stieg die Übersterblichkeit bei allen Män­nern um +86%, bei den Frauen um +80. Dies bedeutet wohl, dass bei den zwei ältesten Ko­horten noch höhere Prozentsätze erreicht werden. Aussagekräftig ist zudem, dass wäh­rend der erwähnten Periode in diesem Jahr 49% mehr Personen in Altersheimen ver­starben als 2019.

Die neuesten Zahlen umfassen die Periode 1. bis 18. Mai. Für ganz Frankreich ist die Über­sterb­lichkeit weggefallen, die Todesfallzahlen liegen nun sogar leicht unterhalb der beiden Vor­jahre. Übersterblichkeit im Vergleich zu 2019 gibt es dagegen immer noch in den Depar­te­­menten: An der Spitze befinden sich Jura (+35%) und Hautes-Alpes (+20%), gefolgt von sieben Departementen mit zwischen 10% und 20% mehr Todesfällen gegenüber dem Vorjahr.

 

Per 31. Mai wird von 189.000 Infizierten und 28.805 Todesfällen sowie rund 68.000 Gene­senen ausgegangen (JHU 31.5.2020). Vom 1. März bis zum 12. Mai waren 89% der Verstor­be­nen älter als 65 Jahre (fr.statista.com). Festgehalten wird, dass seit Pandemiebeginn bis zum 27.5. 101.017 Personen hospitalisiert wurden, davon 17.839 in Intensivstationen. Von den 28.596 Todesfällen verstarben 18.260 Personen in Spitälern.

Ab 16. März wurden Kitas, Schulen und Universitäten geschlossen. Bereits fünf Tag zuvor waren Besuche in Altersheimen nicht mehr möglich. Am 17. März trat eine partielle Aus­gangssperre in Kraft, die bis zum 11. Mai dauerte. Die Arbeitnehmenden benötigten für den Weg zum Arbeitsplatz eine Bescheinigung des Arbeitgebers. Die Geschäfte mussten schlies­sen, mit Ausnahme derjenigen, die für den Lebensunterhalt unabdingbar sind.

Die Ausgangsbeschränkungen wurden per 11.5. gelockert. Doch der „Etat d’urgence“ wird bis zum 10. Juli verlängert, obwohl per 2.6. weitgehende Normalität umgesetzt werden wird. Sehr umstritten ist allerdings die Tracing-App „StopCovid“.

 

Belgien

In den Medien wird Belgien häufig erwähnt, weil sehr hohe Todesfallzahlen vorliegen. Dies gilt sowohl für den Bezug auf die Gesamtbevölkerung wie hinsichtlich der erfassten Erkran­kungs­­fälle. Es scheint allerdings, dass in Belgien Erkrankungen und Todesfälle relativ gut abgeklärt werden. Zuständig für die Aufbereitung ist das „institut belge de santé Sciensano“ (Bulletins vom 15. und 30. Mai 2020).

Die Übersterblichkeit als Vergleich mit den letzten fünf Jahren setzte in der 12. Kalender­woche mit zwei Tagen ein. Ab der 13. Woche (beginnend mit dem 23. März) stieg sie stark an, erreichte in der Woche vom 6.4. den Höhe­punkt mit 95,2% und fiel drei Wochen später auf rund 11% zurück. Wenn sich die üb­liche Wochenmortalität in Belgien bei knapp 20 To­desfällen pro 100.000 Einwohner*innen be­wegt, stieg sie in diesen Wochen bis auf 37. In Belgien sind die regionalen Dif­ferenzen ebenfalls beträchtlich. In Brüssel ergab sich in der 15. Woche eine Übersterblichkeit von 181%.

Wichtig ist, dass in Belgien differenziert wird zwischen bestätigten Todesfällen mit Covid-19 und vermuteten. Werden diese beiden Kategorien von den Gesamtzahlen subtrahiert, ergibt sich interessanterweise gegen Ende März und anfangs April eine verbleibende Übersterb­lichkeit, was darauf hinweist, dass die Zuordnung allenfalls unterrapportiert ist; gegen Ende April und im Mai stellte sich hingegen eine signifikante Untersterblichkeit ein, was heißen könnte, dass die Covid-Sterblichkeit überschätzt wird, bzw. Covid-19 nur indirekt zum Tod führte, dieser aber früher eintrat.

Bei der Alterskohorte 15-65 besteht wohl ebenfalls eine Übersterblichkeit, jedoch betrifft diese nur einzelne Wochen, ansonsten wurde die obere Bandbreite nicht überschritten; im Mai folgt bereits eine Untersterblichkeit. Bei den Menschen mit mehr als 65 Jahren ist die Über­sterb­lichkeit ausgeprägt, doch auch hier wird im Mai wieder die Basislinie erreicht. Konse­quenz daraus ist, dass im Bulletin vom 30. Mai die Übersterblichkeit nicht mehr enthalten ist.

 

Hinsichtlich Sterbeort werden für die per 29. Mai an Covid-19 verstorbenen 9.453 Personen bei 50,7% Altersheime und bei 48,2% Spitäler angegeben. Auffällig ist, dass von den 4.790 Todesfällen in den Altersheimen 75% oder 3.580 Verstorbene als „Cas possibles“ bezeichnet werden, mithin liegt hier keine Testbestätigung vor.

Aufschlussreich sind die Testergebnisse. Bis zum 28. Mai wurden 514.558 Tests durchge­führt. Dies rgibt knapp 5.000 Tests pro 100.000 Einwohner*innen. Die Tests führten zu 58.186 positiven Fällen. Vor allem in den Altersheimen wurde anscheinend viel getestet. Bis Mitte Mai waren dies 129.644 Tests beim Perso­nal, wovon lediglich 7.715 Tests bei Personen mit Symptomen und davon waren 11% positiv; 134.954 Tests bei den Bewohner*innen, da­von 5.443 symptomatisch und davon wiederum 25% positive Testre­sultate.

Hospitalisiert wurden bis zum 29. Mai 15.769. Bis Mitte Mai waren es 13.167 Personen, da­von mussten 12% in Intensivstationen überwiesen werden, rund die Hälfte waren Menschen über 65 Jahren. Rund 90% der Todesfälle in den Spitälern betrafen Menschen in dieser Altersgruppe. Bei den meisten lag mehrfache Ko­morbidität vor. Mindestens eine Komor­bidität wiesen im Übrigen 81% der Verstor­benen unter 65 Jahren auf.

 

Großbritannien

Zuständig ist das Office for National Statistics (ONS). Am 26.5. wurden die Zahlen für Eng­land und Wales per 15.5. herausgegeben. Alle Angaben für 2020 wer­den als provisorisch bezeich­net. Es liegt für den Zeitraum von der 13. bis zur 20. Kalenderwoche eine Übersterb­lichkeit von 53.960 Personen gegen­über den letzten fünf Jahren vor. Die vornehmlich durch Covid-19 verursachte Übersterblichkeit begann am 17. März (48 Fälle oder +3% gegenüber den Vorjahren), erreichte am 8.4. den Höchststand mit 3.122 Todesfällen (oder 212%) gegen­über den Vorjahren von 1.474, was mithin eine Übersterblichkeit von 1.648 ergibt; als Todes­fälle mit Covid-19 werden jedoch nur 1.267 angegeben.

Werden von der kumulierten Übersterblichkeit per Mitte Mai die bestätigten Covid-19-Todes­fälle in der Höhe von 41.105 subtrahiert, ergibt sich eine Differenz von beinahe 13.000 To­des­­­fällen. Ausgegangen wird vom ONS, dass die Todesfälle in den Altersheimen noch nicht genügend aufgearbeitet sind, sodass erst mit weiteren Abklärungen diese Differenz absinken könnte.

Per 1. Mai gab BBC bereits eine kumulierte Übersterblichkeit für Großbritannien seit Mitte März von 50.745 Todesfäl­len an (BBC 12.5.2020). Auch von daher sind die Zahlen des ONS per Mitte Mai mit Vorsicht aufzunehmen. Angemerkt wird allerdings auch vom ONS, dass in der 20. Woche wegen der Bank Holiday, die dieses Jahr auf den Freitag fällt, einige Unsicher­heiten bei den Zahlen wegen verspäteten Meldungen vorhanden sind.

 

Die täglichen Todesfallzahlen mit Covid-19 sinken seit dem 8. April in den Spitälern (in der Woche bis zum 8.5. nur noch 401), dagegen stiegen sie in den Altersheimen an: Woche 16 2.027, Wo17  2.479, dann sinkend Wo18 2.200, Wo19 1.503 und Wo20 1.271. Die Todes­fallzahlen mit Covid-19 wurden nach oben korrigiert, weil Ver­storbene in Altersheimen bis zum 29. April nicht mitgezählt worden sind. Allein vom 10. April bis zum 8. Mai verstarben über 8.314 Menschen mit Covid-19 in Altersheimen.

Per 31.5. sind die Angaben für Großbritannien 274.219 bestätigte Infizierte, effektiv dürfte diese Zahl wie überall beträchtlich höher sein, und 38.571 Todesfälle ausgewiesen (JHU). Die vom ONS publizierte Todesfallzahl per Mitte Mai ist bereits höher als die Zahl bei JHU. Groß­britannien liegt damit in absoluten Zahlen zurzeit an zweiter Stelle hinter den USA. Weil davon auszugehen ist, dass sich auch in den letzten beiden Mai-Wochen mehrere Tausend Todesfälle ergeben und sich auch die kumulierte Übersterblichkeit erhöht hat, dürften diese die bei JHU ausgewiesenen Zahlen um einige Tausend zu tief angegeben sein.

Am 21. März wurden die Schulbetrieb eingestellt, am 23. März eine allgemeine Ausgangsbe­schränkung erlassen, jedoch nicht eigentlich durchgesetzt, immerhin wurden auch alle Lä­den, die nicht der Grundversorgung dienten, geschlossen, ebenso wie Pubs, Restaurants oder Frei­zeitanlagen. Die Produktion wurde jedoch ansonsten nicht eingeschränkt. Per 1. Juni öffnen viele Geschäfte und Schule; auch private Treffen von bis zu sechs Personen sind wieder mög­lich.

 

USA (und Lateinamerika)

In den USA ist es relativ früh zu ersten Ansteckungen mit Sars-CoV-2 gekommen. Gegen Ende März wurde Europa als Epizentrum der Pandemie abgelöst. Die Zahlen der Infizierten wuchsen rasant und die absoluten Todesfallzahlen übertreffen alle anderen Staaten. Gegen Ende Mai wird von rund 1,78 Millionen bestätigten Fällen ausgegangen, zum Tode führten 104.217 (JHU 31.5.20). Der Höhepunkt der Fallzahlen dürfte allenfalls noch nicht erreicht sein, dennoch werden aus ökonomischen und politischen Gründen in vielen Bundesstaaten Lockerungsmaßnahmen durch­geführt.

Per Mitte Mai entfallen 27.459 oder rund 32% der Todesfälle auf den Staat New York oder knapp 20.000 auf New York City. Wird nach Altersgruppen unterschieden, dann liegt die Mortalität bei den über 75-jährigen bei 1.367 und bei der Kohorte 65-74 Jahren bei 546 je 100.000 Ein­wohner*innen. Für ganz New York sind es dann lediglich 183 (statista.com).

Die Übersterblichkeit in New York City betrug gemäss New York Times (21.4.20) vom 11. März bis 18. April 298% oder 17.200 „excess deaths“. Als Covid-19-Todesfälle waren jedoch lediglich 13.240 erfasst. Die Differenz beträgt mithin 3.960. In dieser Größenordnung könn­ten die Zahl der effektiven Covid-Todes­fälle (an und mit) unterschätzt sein. Interessant sind auch die Zahlen der Infizierten. Insgesamt waren es per 5.4.2020 171.723. Pro 100.000 Be­woh­ner*innen ergeben sich für die Bronx 2.667, für Staten Island 2.434, Queens 2.131, Brook­lyn 1.683 und schließlich für Manhattan lediglich 1.133 Infizierte (NYT). Die Infek­tionen erfolgen also ziemlich genau entlang der Einkommensverhältnisse und der ethnischen Zusammensetzung.

Eine neuere Schätzung für New York City geht für die Periode vom 11. März bis zum 2. Mai von 32.107 Ver­stor­benen und einer Übersterblichkeit von 24.172 Todesfällen – oder mehr als 300%. Darin ein­geschlossen sind 13.831 „laboratory-confirmed COVID-19-associated deaths” und 5.048 “probable COVID-19-associated deaths”. Als Restdifferenz verbleiben 5.293 Todesfälle, die nicht zugeordnet werden konnten (NYC Departement of Health and Mental Hygiene 11.5.20). Ein ähnliches Bild – wenn auch auf ganz anderem Niveau – ergibt sich für Kalifornien. Bis gegen Ende April fielen die Todeszahlen um 4.500 höher aus als in früheren Jahren. Es han­delt sich um eine Erhöhung von 9%. Registriert waren jedoch nur 1.017 Covid-19-Tote (Los Angeles Times 29.4.20)

Die Covid-19-Zahlen dürften also zu tief angesetzt sein. Die Übersterblichkeit und damit die effektiven Covid-19-Todesfälle für die USA sollen gemäß New York Times zwischen rund 100.000 und 110.000 Todesfällen liegen. Verglichen wurden frühere Frühlingsdaten mit den aktuellen Todeszahlen (Kristof, NYT 13.5.2020). Unterdessen aber haben die offiziellen Zah­len bereits die 100.000er-Grenze überschritten, sodass auch die Übersterblichkeit per Ende Mai deutlich höher ausfallen wird.

Zweifellos wurde die Coronakrise in den USA lange Zeit völlig unterschätzt. Gehofft wurde, dass mit einer Einschränkung des Flugverkehrs aus Asien und Europa die Virenüber­tragun­gen minimalisiert werden könnten. Doch dies war in keiner Weise der Fall. Die Ausbreitung mit tödlichen Folgen verlief vor allem in New York sehr schnell, und es wurde ein drastischer Lockdown erlassen. Dieser soll bis zum 13. Juni beibehalten werden (cbs news 15.5.2020).

Die Zahlen in den USA können freilich kaum erstaunen. Das Gesundheitswesen ist wohl sehr kostspielig, doch bei weitem nicht auf die gesamte Bevölkerung ausgelegt. Vor allem die vorhandenen Beat­mungs­geräte reichten nirgends hin, die Bettenkapazitäten waren teil­weise ungenügend und in New York mangelte es vor allem an Schutzausrüs­tun­gen fürs Pflege­personal. In den Städten leben viele Afroamerikaner*innen mit diversen Vorerkran­kungen, viele haben nicht einmal eine Krankenversicherung, die Obdachlosen­zahlen sind riesig und die Gefängnispopulation liegt weltweit an der Spitze. Sinnvoll wäre es daher, möglichst differenzierte Analysen zu erstellen und nicht vornehmlich auf die Gesamt­zahlen zu blicken. Fatal könnten sich insbesondere vorzeitige Lockerungsmassnahmen auswirken, indem da­durch die Mortalität pro 100.000 Einwohner*innen nochmals ansteigt. Auch in den USA dürften regional höchst unterschiedliche Übersterblichkeitsraten vorhanden sein.

 

 

Die USA könnten nun durch Lateinamerika, insbesondere Brasilien als neuem Epizentrum der Pandemie ersetzt werden. Per 31.5.200 (JHU) werden für Brasilien 498.440 Fälle aufge­führt. Davon sollen 200.892 wieder genesen, 28.834 Menschen hingegen verstorben sein. Et­was weiter hinten liegen Peru mit rund 156.000 und Chile mit rund 100.000 Fällen. Russland wird hinter den USA und Brasilien mit 406.000 Fällen beziffert. Die Todesfallzahlen dürften ebenfalls ungenügend erfasst sein.

Obwohl in Brasilien am 17.3.2020 ein erster Todesfall verzeichnet wird, stiegen die be­stätig­ten Infektionen vorerst nur langsam an. Im Mai wurde dann aber zunächst die 10.000er-Schwel­le pro Tag überschritten und gegen Ende Mai kam es verschiedentlich zu mehr als 20.000 bestätigten Neuinfektionen. Auszugehen ist davon, dass die erwähnten Zahlen zu tief liegen, weil nur beschränkt getestet wird. Doch dürfte es zutreffen, dass sich die Infektionen vom Kreis der reichen Brasilianer*innen mit Flugkontakten in die ganze Welt ab Mitte April vornehm­lich in die städtischen Elendsviertel, aber auch ins Amazonasgebiet ausgebreitet haben. Mit häufig mehr als 1.000 Todesfällen pro Tag in der zweiten Maihälfte und vielen Massen­grä­bern dürfte der Peak per Ende Mai noch nicht erreicht sein. Allerdings sind die Zahlen wenig zuverlässig, die Regie­rung unternimmt kaum etwas, es sind die Gouverneure und Stadtprä­fekte, die Maßnahmen beschließen und sich häufig auch in Auseinander­setzun­gen mit der Regierung befinden. Genauere Einschätzungen anzustellen, dürften schwierig sein. Allenfalls ergibt der Halb- oder Jahresvergleich dann bessere Aussagen.

 

Wer stirbt in der Pandemie – eine Aufschlüsselung der Todeszahlen

Wenn die neuartigen Coronaviren vor allem ältere Menschen tödlich treffen, bleiben jün­ge­re nicht verschont: Pflegepersonal, Ärzte, Feuerwehrleute, Soldaten, Gefängnis­wärter, Tou­risten und viele weitere sowie auch einige Kinder. Wichtig ist indessen die Tatsache, dass die Zahl der Todesfälle zwischen den einzelnen Staaten stark variiert. Die Todeszah­len pro 100.000 Ein­wohner*innen betragen kumuliert per Ende Mai für Belgien 83, mithin der mit einigem Abstand aktuelle Höchstwert; es folgen Spanien mit 58 Todesfällen, UK ebenfalls beinahe 58, Italien 55, Frankreich knapp 43, Schweden 43, Nieder­lande 35, Irland 34, USA 32, Schweiz 23 (JHU 31.5.20). Einfache Berechnungen ergeben für Portugal 14, Dänemark 10, Deut­schland 10, Österreich 8, Finnland 6, Norwegen 4, für Kanada 20, für Ecuador ebenfalls 20, Brasilien 14, Peru 14; für Indien und China errechnen sich Zahlen unter 1, was nicht rea­lis­tisch sein dürfte.

Global gilt auch ein klarer Gendergap. Es sterben deutlich mehr Männer als Frauen an Covid-19. Das Spektrum reicht von etwa 53% (Südkorea) bis deutlich über 60% in Italien oder Spa­nien. In der Schweiz waren es per Ende Mai 58% Männer und lediglich 42% Frauen (BAG).

Die Todesfälle mit Covid-19 betreffen vor allem die Menschen über 70 Jahren. Es kann davon ausgegangen werden, dass dieser Anteil zurzeit zwischen 85% und deutlich über 90% schwankt. Euronews.com gibt 88% an. Für die USA werden rund 80% erwähnt. Die MOMO-Statistik weist bei der Kohorte 65+ eine kumulierte Übersterblichkeit in der 20. Woche von rund 175.000 Personen aus, womit die Zahlen von 2018 um 80.000 und von 2019 sogar um 125.000 Todesfälle übertroffen werden. Die bestätigten Covid-19-Todesfälle liegen per Ende Mai für die beteiligten Staaten bei etwa 160’000. Damit zeigt sich wiederum, dass die mit Tests bestätigten Todesfälle etwas zu tief liegen, vor allem aber das Pensionierungsalter be­troffen ist.

Dramatisch sind die Zahlen aus den Altersheimen. Hier haben sich in aller Schärfe die Kon­sequenzen neoliberaler Zerstörung offenbart. In Belgien fanden über 50% der Todesfälle in Altersheimen statt. In Deutschland sind es rund ein Drittel, wobei 20% der in Altersheimen infizierten Personen gestorben sind. In Italien sollen es nur 4.000 gewesen sein, höchstwahr­scheinlich weil die Einlieferungen in die Spi­tä­ler meist funktionierten. In Frank­reich wird von rund 40% aller Ver­storbenen in Altershei­men ausge­gangen; von den offiziell registrierten Todesfällen von 24.087 per 27.4. seien 9.034 Men­schen in Altersheimen und sozialen Pflege­institutionen verstorben, was effektiv 37,5% ergäbe. Für England und Wales legt die Finan­cial Times dar, dass sich zwischen dem 2. März und dem 1. Mai 2020 rund 46.000 Todesfälle oder 23.000 mehr als im Vorjahr ereigneten; die Statistik des ONS weist jedoch lediglich 12.500 Todesfälle mit Covid-19 in Altersheimen aus und dürfte daher ziemlich weit daneben liegen (FT 15.5.); mit diesen Zahlen ergäben sich etwa 40% der Übersterblichkeit als  Todes­fälle in Altersheimen. Zitiert wird Prof. Green: „Social care was abandoned by GPs and pri­mary care at the start of this pandemic, so many older people were probably not receiving support for other conditions, raising the death rate“ (FT ebd.).

In der Schweiz verstarben im Gefolge von Covid-19 53% der Menschen in Altersheimen (Tages­­anzeiger 18.5.2020)

In den USA sind nun ebenfalls erste Zahlen hinsichtlich Altersheimen vorhanden. Es wird davon ausgegangen werden, dass rund ein Drittel der Covid-19-Todesfälle auf „nursing homes“ oder „other long-time care facilities“ entfällt (NYT 9.5.20).

In Spanien kursieren Zahlen, die von den bis Mitte Mai angegebenen rund 24.000 Todes­fällen rund 15.000 in Altershei­men verorten. Damit würde es sich um rund 65% handeln. Leider weigert sich die spanische Regierung bis anhin, die erhobenen und vorhandenen Zahlen zu veröffentlichten, weil sie zuerst analysiert werden müssten. Ganz aktuell sind nun aber Zusammenstellungen mit Informationen aus den Comunidades Autonomas vorgenom­men worden (El País, 28.5.20). Danach sollen 9.569 Menschen mit einer testbestätigten Infektion verstorben sein; hinzukommen weitere 9.593 Verstorbene mit „kompatiblen Symptomen“. Vom Total  entfallen 9.250 Todesfälle auf Altersheime in Madrid, Katalonien, Castilla y Leon und Castilla La Mancha. Die spezifische Übersterblichkeit in Alters­heimen wäre also sehr hoch.

Für die Alterskohorte 75+ ergibt sich in diesen vier Comunidades insgesamt gemäss ISCIII eine Übersterblichkeit von 28.523 Todesfällen (oder 80% der nationalen Übersterb­lichkeit), bei erwarteten 19.554 sowie effektiven in der Höhe von 48.077. Weil natürlich bei Weitem nicht alle Menschen dieser Kohorte in Altersheimen leben, scheint es sehr plausibel, dass von der noch zu erklärenden Differenz der gesamten Übersterblichkeit (43.000  minus bestätigte Covid-19-Todesfälle von 27‘000), also rund 16.000 Todesfälle, mehr als 10‘000 auf Alters­heime ohne Bestätigung mit einem Test entfallen. Dieser Befund deckt sich mit den dra­ma­tischen Be­schrei­bungen von Angehö­rigen, wonach Eltern oder Großeltern wie ‘Fliegen’ star­ben oder wie ‘Vieh im Schlachthof’ auf den Tod war­teten. Diese Situationen ergaben sich im Gefolge einer harten Privatisierung der Alters­heime, schlechten Arbeitsbedingungen, Per­so­nalmangel, weitgehendes Fehlen von Schutz­kleidung oder Masken für Infizierte, lange Zeit sehr kleinen Testzahlen, zu wenig Separie­rungen und in Madrid und Barcelona temporäre Unmöglichkeit einer Ein­lieferung in die Spitäler.

Angesichts der großen Unsicherheit und der feh­lenden Unterstützung des Personals in Pflege­heimen reagierten Angestellte mit Krankmeldungen oder Flucht aus dem Arbeits­verhältnis, was die Lage nochmals ver­schlechterte. Schließlich wurden Altersheime von militärischen Spezialeinheiten desinfiziert und eine größere Zahl dieser Institutionen einer staatlichen Auf­sicht unterstellt. Zudem laufen bereits über 100 Anzeigen und Abklä­rungen wegen gravieren­den Verstößen gegen strafrechtlich relevante Bestimmungen.

 

Einige Vergleiche mit Todesfällen und Übersterblichkeit

Die Verbindung zwischen Übersterblichkeit und Todesfällen im Gefolge von Covid-19 wird immer breiter behandelt. Nachdem bis anhin einige Ländern konkreter dar­­ge­legt wurden, sol­len auch noch ein paar quantitative Vergleiche präsentiert werden. Die nachste­hen­den zwei Tabellen belegen deutliche Unterschiede. Wären verlässliche und differenzierte Zah­len über die Todesfälle vorhanden, dann könnten mit diesem Schema auf einfache Weise sowohl die kürzeren Perioden mit Übersterblichkeit wie auch Halbjahres- und Jahresvergleiche vor­genommen werden. Anstehend ist daher die Aufgabe, eine ausreichende Differenzierung bei den Todesfällen in diesem Jahr vorzunehmen, um damit die noch vorhandenen Differenzen in der letzten Linie der tabellarischen Darstellung zu eliminieren. Auf diese Weise könnten Staa­ten, Regionen, Städte und Alterskohorten analysiert werden. Viele rudimentäre Zahlen aus aller Welt sind bereits zugänglich und müssten überprüft sowie aggregiert werden.

 

Land

Italien

Prov.Bergamo

Spanien

Spanien

Schweiz

Schweiz

Periode

März

1.3.-4.4.

13.3.-22.5.

13.3.-22.5

22.3.-17.5.

22.3.-17.5.

Vergleichszahl f. erwartete TF

5 Vorjahre

5 Vorjahre

5 Vorjahre

5 Vorjahre

5 Vorjahre

5 Vorjahre

Alterskohorte

alle

alle

alle

65+

alle

65+

Todesfälle 2020

90’946

5’090

120’851

107’672

13’002

11’437

erwartete Todesfälle

65’592

1’000

77’817

67’172

11’523

10’062

Übersterblichkeit

25’354

4’090

43’034

40’500

1’479

1’375

in Prozenten erwartete TF

39%

409%

55%

60%

13%

14%

Todesfälle mit Covid-19-Bestätigung

13’710

2’640

27’118

24’949

1’603

1’555

in Prozenten Übersterblichkeit

54%

65%

63%

62%

108%

113%

noch zu erklärende Differenz

11’644

1’450

15’916

15’551

-124

-180

Land

Frankreich

Ile de France

Belgien

England und Wales

Periode

11.3.-18.5.

1.3.-18.5

11.3.-17.5

17.3.-30.4.

Vergleichszahl f. erwartete TF

2 Vorjahre

2 Vorjahre

3 Vorjahre

5 Vorjahre

Alterskohorte

alle

alle

alle

alle

Todesfälle 2020

156’302

27’777

28’619

125’306

erwartete Todesfälle

135’044

16’781

19’217

89’526

Übersterblichkeit

21’258

10’996

9’402

35’780

in Prozenten erwartete TF

16%

66%

49%

40%

Todesfälle mit Covid-19-Bestätigung

17’612

6’766

9’080

32’143

in Prozenten Übersterblichkeit

83%

62%

97%

90%

noch zu erklärende Differenz

3’646

4’230

322

3’637

 

(verschiedene Quellen und eigene Berechnungen)

 

Nachtrag (Quelle El País, 7.6.20)

Zusammengetragen wurden kumulierte Übersterblichkeiten ab März bis gegen Ende Mai. Graphisch dargestellt sind 14 europäische Staaten sowie die USA, Peru, Chile und Israel. Mit den Ausnahmen Peru und Chile haben sich die Übersterblichkeiten weitgehend zurückgebil­det. Geordnet nach prozentualer, nationaler Übersterblichkeit ergibt sich folgende Reihen­fol­ge: Spanien 45% (47’123 zusätzliche Todesfälle), Grossbritannien 40% (+60’447), Belgien 37% (+8’665), Italien 36% (+46’420), Niederlande 30% (+9’668), Schweden 19% (+4’113), Frankreich 14% (+20’575), Schweiz 11% (+1’620), Portugal 9% (+2’364), Österreich 7% (+1’376), Deutsch­land 4% (+ 7’424); die dargelegten 4% für Island (+16), Dänemark 1% (+88) und Norwegen mit -1% (-50) bewegen sich im Bereich der Erwartungen, auch wenn sich sehr kurzfristig Über­sterblichkeiten ergeben haben. Das Gleiche gilt für Israel mit -6% und 392 Todesfällen weniger als erwartet, allerdings werden ab heute Sonntag bereits wieder Schulen und Kinder­gärten geschlossen. Für die USA sind 15% bei 83’647 zusätzlichen Todesfällen angegeben, was per Mitte Mai allenfalls etwas zu tief liegt. Peru erlitt mit 54% Übersterblich­keit ein Plus von 12’881 Todesfällen und Chile bei 12% Übersterblichkeit 2’902 zusätzliche Todes­fälle.

 

Nowcasting für die Epidemiologie

Nowcasting ist aus der Ökonomie bei der möglichst schnellen Schätzung des BIP sowie aus der Meteorologie zu kurzfristigen Voraussagen von Wetterentwicklungen bekannt. Nun wird es auch in der Epidemiologie angewandt.

Problematisch ist bei den präsentierten Daten der Timelag zwischen Auftreten eines Ereig­nis­ses und dessen Registrierung. Von daher ist davon auszugehen, dass Infektionen mit Sars-CoV-2 und Erkrankungsfälle Covid-19 mit einer gewissen Verzögerung in die Statistiken einfließen. Dieser Effekt wird mit der Modellierung von Nowcasting auszuschließen ver­sucht. Nowcasting bedeutet also in diesem Bereich Einbezug des zeitlichen Verzugs aus Gründen der Diagnose, der Meldung und der Übermittlung. Zum anderen ermöglicht Now­casting eine bessere Schätzung der Reproduktionszahl R. Erste Ergebnisse des Robert Koch-Instituts wur­den im April publiziert.

Danach ereignete sich der Peak der Neuinfektionen in Deutschland am 18.3., nachdem vor allem seit dem 9.3. ein steiler Anstieg auf etwa 5.500 stattgefunden habe. Ab dem 9. März mussten Veranstaltungen mit über 1.000 Teilnehmenden abgesagt werden (Frauentag war der 8.3., der z.B. in Spanien relativ viele Neuinfektionen brachte), am 16.3. wurden die Leitlinien zur Verhinderung der Virenausbreitung zwischen Bund und Län­dern vereinbart, aber erst am 23.3. erfolgte das weitgehende Kontaktverbot. Gemäss Now­cas­ting stellte sich seit dem 18.3. ein langsamer Rückgang der Neuinfektionen ein, der vom Kon­taktverbot keines­wegs be­schleu­nigt wurde. Bei der Reproduktionszahl R ergibt sich, dass diese auf über 3 anstieg und um den 11.3. den Höhepunkt erreicht. Dann aber erfolgte eine relativ schnelle Reduktion, und bereits etwa am 21.3. war der Wert 1 erreicht. Seit damals war nur noch eine limitierte Re­duktion möglich, und per 2.5.2020 liegt R nun bei 0.78. Berechnet wird R neu einfach als Quotient der aktuellen Neuerkrankungen und derjenigen vier Tage zuvor. Allerdings haben die Neuerkrankungen im April deutlich abgenommen.

Damit ergeben sich einige Zweifel an der Wirksamkeit der beschlossenen Maßnahmen. Wenn nun argumentiert wird, dass ohne diese die Neuerkrankungen wieder ge­stiegen wären und auch die Reproduktionszahl nicht um 1 oder unter 1 hätte gehalten werden können, dann kann dies durchaus zutreffen. Erklärt werden müsste jedoch, warum der Peak der Neuerkrankungen relativ früh erfolgte und allenfalls mit dem Verbot von Großveran­stal­tungen und der Auffor­derung zum Abstandhalten zusammenhängt, nicht jedoch mit dem Erlass des Kontaktverbots von mehr als 2 Personen (in Bayern, Saarland und Sachsen zudem Ausgangsbeschränkung).

 

Die Zahl der bestätigten Infektionen in Deutschland mit Sars-CoV-2 erreichte per 30.4.20 159.119, tiefe 191 Fälle pro 100.000 Einwohnern (Höchstwert 327 in Bayern) und lediglich 6.288 Todesfälle. Werden jedoch Landkreise einbezogen, dann sind die Todesfallzahlen sehr viel höher: Tir­schenreuth 164 pro 100.000 Einwohner*innen, Straubing 75 oder Neustadt an der Waldnaab 56 (das Mittel in Deutschland beträgt 8).

 

Hypothesen

Wenn hiermit nun einiges an Material zusammengetragen worden ist, dann fällt auf, dass von sehr unterschiedlichen Situationen ausgegangen werden muss. Die Pandemie hat sich auf di­vergierende Weise ausgebreitet: einerseits weltweit, andererseits lokal fokussiert. Offen­sicht­lich sind Ballungsräume wichtig. Dies gilt für Wuhan, den Großraum Mailand (inkl. Tes­sin), Madrid und Barcelona/Igualada, London, New York. Doch warum wurde das Pearlfluss­delta nicht stärker getroffen oder Bangkok? In Frankreich ist es Grand Est und Paris, in Deutsch­land Bayern, aber nicht Berlin oder Hamburg. Es kann nur beschränkt behaup­tet wer­den, dass die ergriffenen Maßnahmen die Ausbreitung einfach gestoppt hätten. Da das Virus bereits im November 2019 in China aufgetaucht ist und sich bis Mitte Januar nach Thailand und Süda­sien und kurze Zeit später, aber zweifellos im Januar, in den Iran und nach Europa sowie den USA verbreitet hat, kann gesagt werden, dass es wegen des inten­siven globalen Flugverkehrs und der hohen Reisemobilität mit Autos, Bussen und Zügen an vielen zusätz­lichen Orten zu starken Ausbrüchen hätte kommen können. Warum ist Taiwan prak­tisch kaum betroffen und Japan eher spät?

Zweifellos müssen die Altersstrukturen der Bevölkerungen und die nosokomiale Verbreitun­gen der Coronaviren in Spitälern einbezogen werden. Und noch drastischer ist die Situation der Todesfälle in Altersheimen, weil Schutzmaßnahmen häufig praktisch inexistent waren.

Naheliegend ist, dass soziale Distanzierung die Virenverbreitung hemmt, doch sie wurde in Europa relativ zögerlich und spät propagiert und dort wo sie per Dekret erlassen wurde, konnte nicht verhindert werden, dass die Todesfälle ein relativ hohes Niveau erreichten. Keinesfalls überraschend sind die hohen Zahlen in England und den USA, weil in diesen beiden Staaten die anfängliche Verharmlosung besonders ausgeprägt war. Aber Ausgangs­sperren wurden in England, der Schweiz oder Deutschland (drei Ausnahmen) nicht erlassen, wohl aber Schulen geschlossen und die Mobilität eingeschränkt, jedoch ebenfalls in unter­schiedlichem Aus­maß.

Mit all diesen Argumenten und sicherlich noch vielen weiteren, eher medizinisch/epidemio­lo­gischen, versteht es sich beinahe von selbst, dass zusätzliche, zielgerichtete Unter­su­chun­gen notwendig sind, um diese Pandemie, die wegen ihren Auswirkungen in ökono­mischer und sozialer Hinsicht einen Einbruch in der kapitalistischen Entwicklung beinhaltet, eini­ger­maßen korrekt einschätzen zu können. Neoliberale Zerstörungen im Gesund­heitswesen, die beacht­lichen Instabilitäten im ökonomischen Bereich (inkl. einer stark einge­schränkten Resi­lienz den globalen Produktions- und Lieferketten) und politischen Blockaden haben sich verbunden und hochgeschaukelt. Nationalistische Regressionen und eklatant man­gelnde transnationale Solidarität angesichts einer globalen Bedrohung haben zusätzlich dazu bei­getragen, dass die Zahl der Todesfälle hoch ausfällt und punktuell eine beachtliche Über­sterblichkeit vorliegt.

 

Vorläufige Schlussfolgerungen

Alles in allem kann diese Pandemie als extreme Verdichtung von Krisenprozessen gesehen werden, Krisenprozesse, die sich auf ähnlicher Ebene, jedoch langsamer, aber keineswegs weniger gravierend hinsichtlich Ökologie und der damit verbundenen ökono­mischen, so­zialen und politischen Herausforderungen zeigen. Darum sollten wir mit dieser Pandemie lernen, zum einen die positiven Seiten (bessere Luft, weniger Lärm, we­niger Stress, Ent­schleu­nigung, mehr freie Zeit) mitzunehmen und zum anderen mit den gewonnenen Einsichten in die kom­menden Auseinandersetzungen zu gehen. Voraussetzung dazu ist allerdings die transnationale So­li­darität und das Einstehen für egalitäre und somit post­kapitalistische Verhältnisse.

 

Als grundlegende Einsicht ergibt sich mit den heutigen Erkenntnissen aber auch, dass in Bezug auf die Entwicklung der Pandemie vorsichtig zu argumentieren und Panikmache unangebracht ist. Viele Unklarheiten und Un­sicherheiten sind vorhanden und Forschung dringend nötig. Die Testmöglichkeiten müssen ausgebaut und der Schutz der Arbeitneh­menden und der Infizierten allgemein markant erhöht werden.

Die Pandemie mit den neuartigen Coronaviren beeinträchtig allerdings die gesamte globale Bevölke­rung massiv. Das Ausmaß ist jedoch sehr unterschiedlich, Erkrankungs- und Todes­zahlen variieren beträchtlich, und die fatalen Auswirkungen dieser Pandemie verlaufen entlang von Alters- und Klas­senstrukturen. Die Entwicklung ist zudem keineswegs abge­schlossen.

Im Februar und März wurde spekuliert, dass sich allenfalls mehr als die Hälfte der Mensch­heit infizieren und sich eine Mortalität von 1% ergeben könnte. Mit diesen Annahmen ließe sich ein Vergleich mit den größten Pandemien der Vergangenheit, also Pest, weltweite Grippe nach dem ersten Weltkrieg oder HIV seit den 1980er Jahren, vornehmen.

Um dieses Niveau mit einem millionenfachen Tod geht es nicht. Die per Ende Mai bestätigen globalen Todesfälle von rund 370.000 (Johns Hopkins University) lassen sich als mittlere Pan­demie einschätzen. Im Vergleich zu diesen Zahlen steht die saisonale Schätzung für Grip­pe weltweit mit knapp 400.000 Todesfällen (University of Edinburgh: Paget et al. 2019); die pandemische Grippewelle von 1957/58 soll zu mehr als einer Million Toten geführt haben und die über Jahrzehnte dauernde Cho­lerapandemie (1961-1990) zu einigen Millionen. Die Zahl der Verstorbenen mit Covid-19 bewegt sich noch unter den jährlichen Todesfällen we­gen Malaria (über 400.000) und weit weg von einem sich durch­schnittlich alle drei Sekunden ereignenden Hungertod.

Die vorhandenen Übersterblichkeiten korrespondieren nur teilweise mit den angeblich bestä­tigten Todesfällen mit Covid-19. Diese sind wie angeführt mit einigen Fragezeichen zu ver­sehen. Die Übersterblichkeit fällt in Europa gemäss MOMO-Statistik höher aus als die Grip­pe­­wellen der letzten Jahre. Wird auf nationale Zahlen aufgeschlüsselt, dann finden sich teil­weise lokale und regionale Übersterblichkeiten von mehreren hundert Prozenten. Auf der anderen Seite gibt es Staa­ten in denen die obere Bandbreite bei den zu erwartenden Todes­fällen nicht oder kaum über­schritten wird.

Auffallend ist ein schneller Anstieg im März und auch wieder ein schnelles Absinken im April. Dies gilt etwas weniger für England, wo, wegen starken Verzögerungen bei den Maßnah­men, die Übersterblichkeit längere Zeit hoch ausfällt. Mit dem Rückgang der Todesfälle wurden Lockerungsmaßnahmen ergriffen und Wege in eine „neue Normalität“ gesucht.

Die Übersterblichkeit betrifft in erster Linie die über 65-jährigen und dabei verstärkt die über 80-jährigen. Zweifellos trifft es zu, dass in diesen Alterskohorten häufig weitere Vorerkran­kungen diagnostiziert sind. Die Infektion mit Coronaviren hat jedoch offensichtlich bei relativ vielen älteren Menschen zu einem vorzeitigen und teilweise sehr schnellen Tod geführt. Gra­vierend ist daher, dass diese spezifische Risikogruppe von den zuständigen Behörden und den Leitungsgremien in den Institutionen nicht sofort (also noch im Februar) einen Spezial­schutz erhalten hat. Dies hätte ganz offensichtlich rigorose Vorsichts- und Schutzmaß­nah­men fürs Personal bedingt.

Übersterblichkeit liegt regional und lokal auch bei anderen Altersgruppen vor, jedoch auf deutlich tieferem Niveau. Gestorben sind Menschen ohne Vorerkrankungen und nicht zuletzt hat es bei Ärzten und beim Pflegpersonal eine stattliche Zahl von unerwarteten Todesfällen gegeben. Die Erkrankungsraten sind in diesem Bereich in einigen Staaten erschreckend hoch.

Mit der wöchentlichen Übersterblichkeit und den wöchentlichen Todesfällen mit Covid-19 gemäß nationalen Statistiken können die Abweichungen von der Basislinie der zu erwarten­den Todesfällen bestimmt werden, sodass mit einer gewissen Marge eine einigermaßen ver­lässliche Zahl von direkt und indirekt verursachten Todesfällen im Gefolge von Sars-CoV-2 bzw. Covid-12 erhalten werden kann. Offensichtlich ist aber auch, dass wohl ausgeprägte Peaks bei der Übersterblichkeit zu beobachten sind, doch erst mit den nationalen Halbjahres-, bzw. den Jahreszahlen der Todesfälle wird sich feststellen lassen, ob mit Covid-19 markant mehr Menschen gestorben sind als üblich, oder ob die Zahl der Verstorbenen weitgehend im Bereich der Erwartungen geblieben ist, sich jedoch eine extreme Häufung von Todesfällen ereignet hat.

 

Angesichts von Sars-CoV-2 wurde zweifellos praktisch überall verzögert, chaotisch und über­fordert oder manchmal auch sehr autoritär reagiert. Die autoritäre oder faschistische Regie­rung Bukele hat beispielsweise aus repressiven Gründen bereits Mitte März die Grenzen dicht gemacht, eine Ausgangssperre erlaßen, Schulen und Universitäten sowie viele Läden ge­schlos­sen, obwohl noch kein einziger Coronavirusfall nachgewiesen war.

Die Gegenmaßnahmen fielen in den einzelnen Staaten sehr vielfältig aus, sie reichen von der Motivierung der Bevölkerung zu bestimmten Prä­ven­tions­handlungen über Spezialbe­schlüsse und strenger Überwachung bis hin zu Ausnahmezuständen mit drakoni­schen Maßnahmen.

Weil in Europa, sicherlich auch in den USA und Kanada (geschweige denn in Latein­amerika und Afrika, wo das Gesundheitswesen noch rudimentärer und klassenspezifischer organisiert ist) elementarste Fehler oder Versäumnisse bei Prävention und Schutz geschehen sind, kam es zu übermäßig vielen Infektionen mit letalen Folgen. Punktuell waren Spitäler völlig über­las­tet. In aller Eile wur­den zusätzliche Bettenstationen aus dem Boden gestampft, doch die Zu­stände wa­ren im März vor allem in Italien und Spanien, aber auch in Teilen Frankreichs oder etwas spä­ter in Großbritannien und New York teilweise unglaublich. Es fehlt an allem: Pla­stik­­hand­schuhe, einfache und höherwertiger Atemschutz, Brillen, Schutzanzüge, Desin­fek­tionsmittel, aber auch an Geräten zur Beigabe von Sauerstoff, vor allem an Lungen­maschinen.

Wegen diesen Engpässen resultierten Spitäler und Altersheime als eigentlichen Viren­schleu­dern, in denen Er­krankte mit bereits schlechtem Gesundheitszustand noch den ‘letzten Schlag’ erhielten. Dies kann allerdings nicht dem Pflegepersonal in die Schuhe geschoben werden, denn die Aufopferung dieser Personen war enorm, doch sie waren den Viren gleich­sam nackt ausge­setzt. Nosokomiale Ansteckungen waren und sind ein großes Problem und hätten mit optimaler Schutzausrüstung massiv reduziert werden können.

Waren die Bedingungen in den Spitälern teilweise extrem problematisch, so müssen die Zustän­de in vielen Altersheimen als höchst katastrophal bezeichnet werden. Schuld daran haben ebenfalls nicht die Pflegenden, sondern die betreibenden Firmen und staatlichen Stellen, die mit ihrem neolibe­ralen Ansatz und dem Bestreben möglichst tiefer Kosten diese Ka­tastrophe verursacht haben und verantworten müssen. Wenn von Ärzten gesagt wird, wir alle müssten ein­mal sterben, dann trifft das wohl zu, doch niemand wünscht sich, unter die­sen Umstän­den im Pensionierungsalter zu ’verenden’, weil die Pflege ohne entspre­chende Res­sourcen ganz einfach nicht gewährleistet werden kann. Unter diesen Umständen versuchen die Pflegenden, sich irgendwie selber zu schützen und geraten in psychologischer Hinsicht in Grenzsituationen. Unsicherheit macht sich breit, Angst und Verzweiflung intensivieren sich, Zusammenbrüche erfolgen, und es kommt zu (mehr oder weniger verdeckten) Arbeitsver­wei­gerung. Gleichzeitig wird aber nun verstärkt protestiert und diese Aus­einander­setzungen be­dürfen der größten Solidarität, damit sich im Gesundheits­wesen und in der Altersver­sor­gung Grundlegendes ändert. Wegzukommen ist vom Neoliberalismus, so dass die großzügige Aus­ge­­staltung der Gesundheit als öffentliches Gut umgesetzt werden kann.

Mit obigen Beschreibungen sind extreme Situationen in Italien, Spanien, Frank­reich, England oder New York charakterisiert. Zu verallgemeinern lassen sich diese jedoch nicht. Vielmehr müsste sorgfältig differenziert werden. Hoffen wir auf der anderen Seite, dass sich nicht noch schlimmere Entwicklungen in Lateinamerika und Afrika ergeben.

 

Grandios unterschätzt wurden allgemein die Probleme bei Nach- oder Zusatzbestellungen für Spitäler und Pflegeeinrichtungen. Alle diese Waren sind normalerweise auf den interna­tio­nalen Märkten problemlos zu beschaffen. Doch es kam zu immens hohen Nachfrage­posi­tionen. Da Produktionsstraßen teilweise still­gelegt waren, gerieten die Märkte aus allen Fugen, Hamsterkäufe wurden getätigt, nationale Egois­men und Übervorteilungen domi­nierten etc. Über Zusatzproduktion oder Produk­tions­konversion wurde wohl diskutiert, doch bis sich etwas tat, verging sehr viel Zeit. Dennoch wuchs auch die Solidarität in der Bevöl­kerung, leider mit völlig untauglichen Mitteln, wenn beispielsweise an heimi­schen Näh­maschinen Stoffmasken geschneidert wurden. Zwischen den Staaten erfolgte erst nach und nach etwas mehr an Unterstützung. Diese bleibt jedoch immer noch völlig unge­nügend.

Die Politiker überließen den sogenannten Expert*innen weitgehend das Ruder, Strategien wurden geschustert, wieder verworfen oder neu angepasst. Dekretiert wurden Not-, Alarm- oder Ausnahmezustände, mit denen die verschiedenen Maßnahmen bis hin zu höchst büro­kratischen Detailbestimmungen beschlossen werden konn­ten. Betriebe wurden Knall auf Fall geschlossen oder die Produktion sogar zum grössten Teil eingefroren.

Hinsichtlich der ergriffenen Maßnahmen ist fraglich, wieviel die Ausgangssperren wirklich gebracht haben. Verschiedene Beispiele legen nahe, dass es ohne Ausgangssperre geht, wenn der Appell an Selbstdisziplin funktioniert und die alten Menschen spezifisch geschützt wer­den.

Die Erkrankungsfälle gingen jedenfalls zurück, bevor die härtesten Maßnahmen ergriffen wurden. Die Schraube wurde vor allem angezogen, weil ein partieller Kollaps des Gesund­heitswesens in Aussicht stand. Insofern kann das verordnete Containment als Konsequenz oder Preis des neolibe­ralen Abbaus im Gesundheitswesen eingeschätzt werden.

Die konsequente Einhaltung von Hygienemaßnahmen, Abstandhalten, Einschränkungen von Mobilität und Massenanlässen können allem Anschein nach als effizienter bewertet werden.

Mit besten Schutzmaßnahmen, qualifiziertem Personal, guten Arbeitsbedingungen sowie adäquaten Notfallmaßnahmen in den Altersheimen und besten Bedingungen in den Spitä­lern hätten viele Todesfälle verhindert werden können, bzw. diesen Verstorbenen wären noch einige Monate oder sogar viele Jahre ihrer Lebenszeit verblieben.

Auch die sogenannte Reproduktionszahl R hat sich relativ schnell auf 1 oder sogar darunter reduziert. Allerdings scheint ein weiteres Absenken tei­lweise recht schwierig zu sein, und es kommt auch wieder zu Anstiegen über 1 oder zu neuerlichen lokalen Ausbrüchen.

 

Soll auf der Ebene der Gesamtzahlen zu zusammenfassenden Ergebnissen gelangt werden, kann folgendermaßen argumentiert werden: Mitte Mai weisen 23 Staaten mehr als 1.000 Todesfälle aus. Insgesamt werden rund 300.000 Verstorbene wegen Sars-CoV-2 angegeben. Allenfalls sind die Zahlen wegen der belegten Übersterblichkeit noch etwas höher. Werden die asiatischen und lateinameri­kanischen Staaten weggelassen, dann ver­bleiben 14 (von Irland bis USA und inklusive Kanada). In diesen Staaten kam es bis anhin zu 80% der Todesfälle. Nehmen wir vorsichtig an, dass davon 90% der Menschen im Alter von über 60 Jahren und 80% im Alter von über 70 Jahren verstarben. Hinzukommt als Annahme, dass bei der Kohorte 70+ etwa 40% in Altersheimen lebten. Dies führt zum Ergebnis, dass allenfalls mehrt als 25% der Todesfälle hätten verhindert werden können, wenn schnell reagiert worden wäre und diese Risikogruppe bestens betreut, gut geschützt, getestet und Infizierte umgehend separiert worden wären. Wären überdies nosokomiale Ansteckungen mit bestem Schutz in den Spi­tälern verhindert worden und die Pensionierten auch zu Hause bestens geschützt und von Nachbarschaftshilfe unterstützt worden, dann wären die Todesfälle in Europa, Kanada und den USA bis Mitte Mai nicht auf etwa 240.000 Menschen ange­stie­gen, sondern es hätte mit einiger Wahr­schein­lichkeit etwa 100.000 weniger – schnell und allzu früh – Verstorbene gegeben. Die Todesfälle wären damit weit unter denjenigen einer saisona­len Grippe verblieben. Eine teilweise sehr hohe Übersterblichkeit hät­te sich mit großer Wahr­scheinlich­keit nicht ereignet.

In Spanien gibt es einige wenige Altersheime in denen rigorose Präventionsmaßnahmen er­grif­fen oder sogar eine vollständige Selbstquarantäne beschlossen wurden. Als höchst erfreu­liches Ergebnis blieben diese Institutionen von Todesfällen verschont!

 

Einmal mehr trifft diese Pandemie ganz offensichtlich nicht alle Menschen gleich, und sie funktioniert daher auch nur beschränkt gleichmacherisch. Wohl können alle Menschen eine Infektion erleiden, doch die Konsequenzen sind vornehmlich altersabhängig und vom all­gemeinen Gesundheitszustand sowie spezifischen Vorerkrankungen bestimmt. Schwe­re Erkrankungen und Todesfälle ereignen sich in allen Klassen und Schich­ten. Die Pflege­mög­lichkei­ten bei Erkrankungen gestalten sich indessen höchst unterschiedlich.  Diese Unter­schiede sind im Gesundheitswesen bereits in Europa sehr groß, sie werden riesig, wenn die ganze Welt einbezogen wird. Es kommt also sehr darauf an, wo gelebt wird und wel­che Schwierigkeiten sich bei einer notwen­digen Hospitalisierung ergeben.

Ob eine Ausgangssperre zu dritt oder zu zehnt in einer kleinen Wohnung ohne Balkon zu erdulden ist, ob sie in einem Einfamilienhaus mit Garten oder sogar in einer Villa auf dem Hügel absolviert werden kann, macht ebenfalls einen mehr als großen Unterschied aus. Insbe­sondere für Kinder dürfte das längerfristige Einsperren in kleinen Wohnungen traumatische Erfah­rungen bewirkt haben.

Fällt Einkommen weg, dann kommt es darauf an, wie hoch die Ersparnisse auf den Konten sind oder, ob nicht einmal ein Bankkonto vorhanden ist, ob Kurzarbeitsentschädigung oder Arbeitslosengeld fließen werden oder nicht. Und kaum zu bestreiten ist, dass es für einen großen Teil der Men­sch­heit schlicht unmöglich ist, eine Einschließung oder eine Paralyse wirtschaftlicher Akti­vitäten ohne unmittelbare Unterstützung zu überstehen. Wenn wie in den USA ein Großteil der Bevölkerung einem „hire and fire“ ausgesetzt ist und bei einer Entlas­sung die Krankenversicherung wegfällt, dann sind die Konse­quen­zen eben­falls desaströs.

Sars-CoV-2 und Covid-19 beinhalten einen ausgeprägten Klassencharakter. Bereits die unte­ren Mittelschichten werden deutlich stärker getroffen, allenfalls heftiger als relativ gut abge­sicherte Teile der Arbeiter*in­nen­schaft. Das Prekariat und die ‘Überflüssigen’ trifft es am härtesten und hier werden – neben den alten Menschen – vermutlich die meisten Toten zu verorten sein. In urbanen Ballungszentren zu hausen und nur über prekäre oder prekärste Einkommens­möglich­keiten zu verfügen, bringt ein erhöhtes Risiko der Ver­elendung und eine Verkürzung der Lebenszeit.

Vor allem mit sinnvollen Maßnahmen wie Mobili­tätseinschränkungen, räum­licher Distan­zie­rung und größten Schutzmaßnahmen in Pflegeeinrichtungen (von Spitä­lern über Heime bis zu den Altersresidenzen) bei einem kräftigen Ausbau von Bettenka­pazitäten, insbesondere einer starken Erhöhung der Plätze in Intensivstationen sowie viel besseren Arbeits­be­din­­gungen fürs Personal kann diese Pandemie kontrolliert werden, so dass Todes­fälle ver­mieden wer­den kön­nen, auch wenn bei weitem nicht alle zu verhindern sind.

Diese Pandemie bedeutet für ältere und kranke Personen ein be­trächtliches Todesfallrisiko. Wären das Gesundheitswesen intakt und der hohe Schutz von Risikogruppen gege­ben sowie rigorose Unter­stützung bei lokalen Ausbrüchen gewährleistet, dann könnte mit deutlich we­niger Sor­gen der sich entwickelnden Immunität und der Etablierung eines Impfschutzes ent­gegen­ge­sehen werden. Wäre ein politische Wille für transnationale und multilaterale Unter­stützung und Solidarität vorhanden, dann ergäben sich sogar gute Aussichten einer welt­weiten Kont­rolle dieser Pandemie.

 

Zu erwarten ist allerdings, dass diese Pandemie bei weitem noch nicht ausgestanden ist. Mit den erweiterten Lockerungs­maßnahmen wird sich zeigen, ob die Infektionszahlen wieder ansteigen und dann erneut restrik­tive Maßnahmen beschlossen werden müssen. Eventuell findet diesbezüglich lediglich eine Verschiebung auf den Herbst statt. Tracking und Tracing via Smart-Phones er­halten ständig höhere Relevanz und werden allenfalls sehr autoritär durchgesetzt und genutzt, was einen neuen Schritt im Überwachungskapitalismus darstellen würde. Fraglich ist dennoch, ob für eine zweite Pandemiewelle genü­gend Lehren aus den letzten Monaten gezogen und drin­gend notwendige Veränderungen veranlasst werden, um höchst kritische Situationen zu verhindern.

 

Und vielleicht zusammenfassend in einem Satz: Extreme Globalisierung und neoliberaler Druck zu Kostensenkungen im Gesundheits- und Pflegebereich sowie überforderte Regie­rungen haben innert kurzer Zeit eine Tragödie für viele Menschen und ihre Angehörige verur­sacht, die jedoch nicht nur zu  vielen Todesfällen geführt hat, sondern zu einer extre­men Be­schleunigung von bereits vorhandenen ökonomischen Krisentendenzen sowie zu ebenfalls extremen sozialen Verwerfungen, wenn nicht schnellstens Gegensteuer gegeben wird.

 

Ausblick

Epidemien nehmen wohl immer einen etwas anderen Verlauf. Die Zahlen der Infizierten und Erkrankten sowie die Todesfälle nehmen zu, errei­chen irgendwann einen Höchststand, redu­zie­ren sich in der Folge und flachen daraufhin markant ab. Wie lange diese Phasen dauern, ist in keiner Weise einheitlich. Versucht wird, den Kur­ven­­verlauf mit mathematischen Modellen zu simulieren. Weil in verschiedenen Regionen die Peaks bereits eine gewisse Zeit zurück­liegen, sich bei der Belegung von Intensivstationen eine Entspannung ergeben hat, werden Locke­rungsmaßnahmen beschlossen, die einmal mehr in keiner Weise nach einheitlichen Kriterien verlaufen, sondern eher im Gefolge höchst dispa­rater Pressionen. Dabei geht es jedoch nicht um irgendwelche Gleichgewichte, optimal austa­rierte Lösungen oder um gut disku­tierte und demokratisch verabschiedete Strategien, son­dern um die knallharte Durch­setzung von Inter­essen – verbrämt durch angeblich wissenschaftliche Erkenntnisse. Die genaue Analyse dieser Exitstra­tegien wird nochmals besseren Aufschluss über die realen Kräftever­hältnisse und über die höchst unterschiedlichen Befindlichkeiten in Europa geben.

 

Eine allgemeine autoritäre Wende oder die Akzentuierung des bereits vorhandenen Auto­ritarismus muss ebenfalls befürchtet werden. Ein gutes Beispiel ist Hongkong, wo die Pro­testbewegung abgeflaut ist, und die Repression mit Pandemieargumentationen intensiviert wird, dennoch ist es nicht gelungen die Mobilisierungen vollständig zurückzudrängen. Demo­kratische Diskussionen und Kont­rollen fallen weg, es wird einfach entschieden, der Ausnah­me­zustand unterschwellig und län­gerfristig beibe­halten, wie dies Orban praktizieren will. Erstrittene politische und soziale Rechte sollen eingeschränkt­ werden, im schlimmsten Fall greifen neodarwinistische und malthu­sianische Tendenzen um sich, wenn es darum geht, mit Erkrankungen und Todes­fällen in Gefängnis­sen, gleichsam in einem sozialen Labor, zu experimentieren, oder die überflüssigen Teile der Weltbevölkerung, also diejenigen, die einfach zu viel seien oder die, die sich nicht, schlecht bzw. zu wenig ausbeuten lassen, im Stich zu lassen.

 

Eine ökonomische Krise hat im Januar in China begonnen und manifestierte sich in einer Reduktion des BIP von knapp 7% für das erste Quartal. Verschieden weitere Einbrüche erfolgten und spätestens im März kann von einer globalen Wirtschaftskrise gesprochen werden.

Die Zahlen für das erste Quartal sind nun auch in Europa publiziert worden. Der wirtschaft­liche Einbruch ist unerwartet massiv ausgefallen. Danach dürfte in praktisch allen euro­päi­schen Staaten das BIP schrumpfen. Für die EU sind es 3,5% für die Eurozone sogar 3,8%. Nicht überraschend liegen dabei Italien (-4,7%), Spanien (-5.2%), Frankreich (-5,8%) an der negativen Spitze. In Norwegen (-1.5%) und den USA (-4.8%) sind ebenfalls negative Zahlen zu vermerken; Großbritannien (-1,6%) und die Schweiz (-2,6) verzeichnen gegenüber dem Vorquartal Quartal überdies negative Werte. Das erste Tertial präsentiert sich zweifellos ähn­lich schlecht. Von daher sind bis Ende Juni mit größter Wahr­scheinlichkeit neue negative Re­kord­werte zu erwarten. Die Aus­sichten für das laufende Jahr werden bereits nochmals nach un­ten revidiert. Z.B. hat Spanien die – allenfalls immer noch zu optimistische – Prognose auf rund -9% berechnet und dies der EU mitgeteilt. Von daher ist denkbar, dass die Prog­nosen des IWF für 2020 (global -3%) nochmals korrigiert werden.

Die soziale Situation erweist sich für sehr viele Arbeitnehmenden (die berühmten 99%) als sehr schwierig bis katastrophal. Die unteren Schichten sind einerseits größeren Infektions- und Erkran­kungs­risiken ausgesetzt und andererseits steigt die wirtschaftliche Risikoexpo­sition steil und häufig unmittelbar an. Diese Schichten befinden sich also gleichsam zwischen zwei Schlag­instrumenten eingesperrt. Die Prekarität nimmt zu, Notlagen können sich extrem ver­schärfen und trotz staatlichen Billionenprogrammen für die Stützung der Wirtschaft dauert es lange, bis dringendst notwendige Unterstützung aus­gerichtet wird. Am schnellsten werden einmal mehr die Big Players bedient. Bis die am härtesten von der Krise Betroffenen an der Reihe sind, dauert es häufig sehr lang, viele fallen durch alle Maschen, so dass zu be­fürchten ist, dass Verarmun­gen zunehmen, die Hun­gern­den und Vertriebenen nochmals stärker unter Druck geraten, womit diese Zahlen in nächster Zeit massiv ansteigen könnten.

 

Und nicht zuletzt geht es um die Ökologie. Neben dem Widerstand gegen die oben beschrie­benen Tendenzen muss verhindert werden, dass wegen des angeblichen Vorrangs einer öko­nomischen Erholung – sprich Garantierung der Kapitalakkumulation und wieder erhöhte Profitabilität bei verstärkter Konzentration und Zentralisation des Kapitals – die ökologischen Herausforderungen als zweitrangig erklärt oder vollständig auf die Seite geschoben werden, wie dies Trump in den USA durchziehen will. Obwohl die neoliberale Hegemonie indessen größtenteils zerbrochen ist, fallen Dominanzansprüche nicht einfach weg. Viele Gesell­schaf­ten sind tief gespalten, soziale Kohäsion massiv zer­split­tert und ausgefranst. Gleichzeitg darf nicht übersehen werden, dass es viele Beharrungskräfte gibt, ‘resistance to change’ weit­herum verbreitet ist und nicht zuletzt Warenfetischismus und extremer Konsumerismus nicht einfach verschwinden, sondern nach wie vor für viele Men­schen prägend sind. Gleich­wohl zeigen sich immer grössere Risse im sozialen Gefüge, die von sehr unterschiedlichen Protestgruppen ausgenützt werden.

 

Dennoch gilt es anzuknüpfen an die bereits wieder vielfältigeren Proteste, an die zuneh­men­den Mobilisierungen von links sowie an die kleineren und größeren Kämp­fe in vielen Berei­chen von Wirtschaft und Gesellschaft. Vielleicht beginnt sogar in den USA ein neuer Kampf­zyklus. Diese Auseinan­dersetzun­gen für eine emanzipatorische Transformation in die Zu­kunft benötigen möglichst breite solidarische Unterstützung, denn nur auf diese Weise kann es ge­lin­gen, regionale oder sogar weltweite Machtverhältnisse zu verschieben.

 

Wahrlich große Herausforderungen für europäische und globale Linksallianzen!